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«Immer wieder machen wir Frauen sichtbar»

Ausstellungsmacherin Erika Hebeisen hat an der neuen Dauerausstellung im Landesmuseum mitgewirkt. Sie sagt, warum es für grosse geschichtliche Entwicklungen keine Heldenfiguren braucht. Und warum die Schweizer Geschichte eine Erfolgsgeschichte ist.
Interview: Rolf App
Erika Hebeisen vom Landesmuseum. (Bild: PD)

Erika Hebeisen vom Landesmuseum. (Bild: PD)

Christoph Blocher hat uns einmal erzählt, wenn er nicht Jurist geworden wäre, hätte er Geschichte studiert. Wäre das eine gute Idee gewesen?

Erika Hebeisen: Aber gewiss. Er hätte sich dann nämlich eine grössere Palette dessen aneignen können, was Geschichte ist. So aber hat er aus seiner politischen Logik heraus eine Schneise durch die Jahrhunderte geschlagen. Mit andern Worten: Eine grössere Breite wäre ein Gewinn, für ihn und für uns.

In diese Schneise gehört die Blocher’sche Einsicht, dass «überall, wo Grosses geschieht, grosse Persönlichkeiten am Werk sind». Können Sie als eine der Ausstellungsmacherinnen von «Geschichte Schweiz» damit etwas anfangen?

Es gibt durchaus historische Figuren, deren Leistung man nicht negieren soll; wir erwähnen sie auch in unserer Ausstellung. Doch stellt dies nur die halbe Wahrheit dar. Viele Entwicklungen kommen ohne solche «Heldenfiguren» aus. Nehmen wir die Pionierrolle, welche die Walliser Gemeinde Unterbäch gespielt hat, wo 1957 zum ersten Mal in der Schweiz Frauen an die Urne gegangen sind. An diesem erstaunlichen Vorgang haben eine ganze Reihe von Personen mitgewirkt.

Was mit Christoph Blocher auch angesprochen ist: Geschichte wird zum politischen Kampfplatz – kürzlich etwa mit dem Jubiläum des Landesstreiks. Warum ist das so?

Jene wenigen, die Geschichtspolitik betreiben, treten sehr laut auf, vor allem im Umfeld von Jubiläen. Sie zwingen Historikerinnen und Historiker, Stellung zu beziehen. Dabei geht unter, was andere Historiker beitragen können zur Diversität von Themen und Sichtweisen.

Blickt man auf die Debatten, dann erscheint vieles kontrovers. Gibt es da für Sie so etwas wie Wahrheit?

Es gibt die Wirklichkeit, und es gibt die Fakten. Aber Wahrheit, das ist für mich eher ein Begriff aus der Philosophie. Mir ist es lieber, wenn wir die Quellen ihr Veto einlegen lassen. Lässt man sie sprechen, dann entsteht oft ein Bild, das sich einer eindimensionalen Sicht nicht fügt.

Wenn wir nun mal die Brille wechseln und jene der Frauenrechtlerin Emilie Lieberherr aufsetzen, könnten wir gegen Ihre Ausstellung einwenden, dass es arg lange dauert, bis die Frauen ins Bild kommen. Als erste taucht eine Sekretärin auf.

Da haben Sie aber einiges übersehen, obwohl es natürlich richtig ist, dass die Frauenbewegung ein spätes Phänomen darstellt. Immer wieder machen wir in unserer Ausstellung Frauen sichtbar. Sie tauchen als Allegorien auf für Harmonie, Eintracht, Glauben. Sie spielen als Salonièren eine wichtige Rolle im Umfeld von Rousseau und Voltaire. Und den Luzerner Soldunternehmer Franz Ludwig Pfyffer von Wyher porträtieren wir mit seiner Frau Magdalena. Während er in Paris die Schweizergarde befehligt, führt seine Frau erfolgreich die Geschäfte.

Sie sprechen den Erfolg an. Ist die Schweizer Geschichte eigentlich eine Erfolgsgeschichte?

Wenn man das Politische ins Zentrum stellt und den Bundesstaat zum Dreh- und Angelpunkt macht: dann ja. Was vor dem Bundesstaat existierte, das konnte gut integriert werden, denn Liberale und Konservative haben sich innert nützlicher Frist wieder zusammengerauft. Der gesellschaftlichen Entwicklung ist sehr zugute gekommen, dass die Konflikt- linien oft quer zueinander verliefen. So führten die Gegensätze zwischen Arbeitern und Unternehmern, Liberalen und Konservativen, Reformierten und Katholiken nicht zum Auseinanderbrechen der Schweiz. Wobei beim Frauenstimmrecht die politische Integration wirklich lange gedauert hat.

Oft stand und steht am Ende ein Kompromiss. Etwa beim Landesstreik, wo die Forderungen des Streikkomitees nach dem Scheitern ihre Wirkung entfaltet haben.

Wobei auch das Streikkomitee nicht bis zum Äussersten gegangen ist. Es zeigen sich auf beiden Seiten Entgegenkommen und Kompromisse, die letztlich gut funktionieren.

Und woher rührt dieser Geist des Kompromisses? Spielt bei der Bewältigung gesellschaftlicher Krisen auch eine Rolle, dass die Schweiz so kleinräumig organisiert ist?

Das ist ganz gewiss ein wichtiger Aspekt. Im 15. Jahrhundert nötigen ihre Gemeinen Herrschaften die Eidgenossen zur Zusammenarbeit. Sie muss auch fortgesetzt werden, als die Reformation zwei konfessionelle Lager schafft. So spielt sich eine föderalistische Struktur ein, die diesen Staat bis heute prägt. Besser begreifen kann man sie nur, wenn man eben gerade die längere Entwicklung der Schweizer Geschichte ins Auge fasst.

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