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In Ägyptens Wüste wimmelt es von Walen – und die haben sogar Beine

Rund 1500 Fossilien von 40 Millionen Jahre alten Urwalen sind in Ägypten in einem auch landschaftlich spektakulären Trockental gefunden worden. Die Funde beweisen, dass Wale einst an Land liefen.
Susanna Petrin, Wadi al-Hitan
Spektakuläre Urwal-Funde in der ägyptischen Wüste nahe der lybischen Grenze. (Bild: Susanna Petrin)

Spektakuläre Urwal-Funde in der ägyptischen Wüste nahe der lybischen Grenze. (Bild: Susanna Petrin)

Ein flaches Niemandsland. Sand, Sand, Sand. Flimmernde Hitze. Die Westliche Wüste zwischen Ägypten und Libyen wirkt lebensfeindlich und leer. Doch dann – als ob die Natur sagen wollte: «Achtung, jetzt wirds interessant!» – tauchen an einer Stelle seltsam geformte Hügel und Felsen auf. Gesichter, Riesenhirne, Pilze, ein Löwe. Mit etwas Fantasie kann man vieles hineinlesen, in die von Wind und Sand geformten Gesteine.

Aber das Fantastischste an diesem breiten Wüstental ist real: Hier gibt es Wale. Der Wüstenwind sowie einige Paläontologen legen seit ein paar Jahrzehnten ein Skelett ums andere frei. Hunderte von enormen Fossilien urzeitlicher Walviecher. Fleischfressende Monster mit Zähnen. Bis zu 20 Meter lang. Dazu kommen Tausende von Fossilien weiterer Tiere und Pflanzen: Haie, Welse, Seekühe, Schlangen, Krokodile, Rochen, Mollusken, Mangroven, Palmen.

So entstehen Fossile

Die Fossilisation ist eigentlich ein seltenes Ereignis in der Natur. Es muss so einiges zusammenkommen, damit ein toter Organismus nicht ziemlich bald ganz zerfällt. Zunächst muss er vor Sauerstoff und damit vor zersetzenden Mikroorganismen geschützt sein - das ist öfter am Meeresgrund der Fall, wenn der Leichnam bis auf den Boden sinkt. In einem zweiten Schritt wird das tote Lebewesen von Sedimenten bedeckt. Danach wird bei viel Druck und Hitze allmählich die ursprüngliche organische Substanz, aus dem Lebewesen bestehend, durch anorganische Mineralien ausgetauscht. Weichteile verwesen meist zu schnell, am ehesten schaffen daher Hartteile wie Knochen den Übergang zum Fossil. Als Fossilien gelten Überreste erst, wenn sie über 10 000 Jahre alt sind.

Diese Wüste war einmal ein Meer. Der Urozean Tethys bedeckte an seinem Südrand einst halb Ägypten mit Wasser, im Norden die Alpen. Er soll vor rund 250 Millionen Jahren entstanden sein und begann vor 40 Millionen Jahren zu schrumpfen, als Afrika und Europa langsam zusammenrückten - bis zur Kollision.

Die karge Landschaft hier ist ehemaliger Ozeanboden. Meeresfossilien findet man in der westlichen Wüste ebenso wie im Jura oder sogar auf dem nach oben gedrückten Himalaya. Doch nirgendwo sonst auf der ganzen Welt findet man eine höhere Konzentration an Walfossilien als in eben diesem Tal bei Fayoum, rund 170 Kilometer südwestlich von Kairo. Denn hier lag einst eine an Tieren besonders reiche, flache Meeresbucht.

Im Umkreis von rund acht Quadratkilometern wurden bis heute rund 1500 Walfossilien gefunden, wie der Leiter des Grabungsteams, Mohamed Sameh Antar, sagt. Dieser Ort heisst entsprechend auf Arabisch «Wadi al-Hitan»: Tal der Wale.

Das «Tal der Wale» gehört zum Naturschutzgebiet Wadi el-Rayan, welches seit 1989 besteht. (Bild: Susanna Petrin)

Das «Tal der Wale» gehört zum Naturschutzgebiet Wadi el-Rayan, welches seit 1989 besteht. (Bild: Susanna Petrin)

Fast so interessant wie das Tal der Wale ist das Schlafzimmer von Islam el Sharqawy. Wo andere Menschen Unterwäsche und Socken aufbewahren, liegen bei ihm versteinerte Haizähne, Fischwirbel oder Ammoniten. Man wähnt sich im Archiv eines Naturkundemuseums: Flache Schubladen voller Fossilien. Die grösseren Stücke liegen im Schrank - und auch überall sonst. Neben seinem Bett züchtet Islam in einem pinken Plastikkübel schleimig grüne Algen.

Die Welt vor Millionen von Jahren

Die Algen sind Teil seiner Erforschung urtümlicher Pflanzen. Das Projekt gedeiht zum Ärger seiner Mutter auch auf dem gemeinsamen Balkon, wo er etwa Moose, Farne und Ginko züchtet, um sich besser vorstellen können, wie die Welt vor Millionen von Jahren ausgesehen haben könnte. Sein Computerspeicher ist voller Dokumentarfilme, in denen enthusiastische Sprecher mit britischem Akzent ob Erdfaltungen ins Schwärmen geraten.

Und wenn man glaubt, es könnte in dieser Wohnung in Kairo nicht noch sonderbarer werden, stolpert man um ein Haar über Islams Schildkröte.

Sie läuft frei in der Wohnung herum, eine lebendige Probandin seiner Urzeitstudien. Paläontologie ist Islams Leben. «Gesteine sind wie Bücher», sagt Islam, «man muss sie nur lesen können.» Eine Woche nach unserem Vorgespräch betrete ich das Tal der Wale zum zweiten Mal, diesmal mit Islam als Übersetzer zwischen den Felsen und mir. Ein Beduine hat uns mit dem Jeep zum Eingang des 2,5 Kilometer langen Rundwegs gefahren.

Das geschützte Gebiet umfasst 1.759 km² und schließt sich westlich an die Oase Fayyum (südwestlich der Hauptstadt Kairo) an. (Bild: Susanna Petrin)

Das geschützte Gebiet umfasst 1.759 km² und schließt sich westlich an die Oase Fayyum (südwestlich der Hauptstadt Kairo) an. (Bild: Susanna Petrin)

Als der 36-Jährige Islam noch ein Jugendlicher war, haben Leute hier campiert oder sich Autorennen geliefert. Die Gegend war offen und unbewacht. So mancher Raser habe ein 40-Millionen Jahre altes Skelett überfahren, erzählt Islam.

Seit 1989 ist das rund acht Quadratkilometer grosse Gebiet als Teil des umfassenderen Naturschutzgebiets Wadi al Rayan geschützt, seit 2005 ist das Wadi al Hitan gar Unesco Weltnaturerbe. Heute ist es weit besucherfreundlicher als die Pyramiden: Tafeln am Wegrand geben Auskunft darüber, welche Fossilien man gerade sieht. Und vor wenigen Jahren haben beim Eingang sogar ein Café und ein Museum für Evolution und Klimawandel eröffnet.

Sandiger Wind reizt die Augen. «Diese Hügel müssen früher viel höher und breiter gewesen sein», sagt Islam, «zwischen jeder Farbschicht liegen Millionen von Jahren.» Er reibt einen Finger an einer Felswand, sofort rinnt Gesteinspulver hinunter. «Die feineren Teile erodieren schneller als die festeren. Mit der Zeit werden immer mehr Fossilien aus diesem Gestein hervortreten. Wahrscheinlich warten da noch Tausende von Entdeckungen auf uns.»

Keine Angst vor dem T-Rex

Die in den letzten Jahrzehnten gemachten Funde sind sensationell. Da ist der Dorudon, ein fünf Meter grosser, Deflin-ähnlicher Wal. Und da ist die Hauptattraktion: Der Basilosaurus. Mit seinen Zähnen und seinen 18 Metern Länge hätte er es mit dem damals bereits ausgestorbenen T-Rex aufnehmen können. Jetzt liegt seinesgleichen nur etwa dreihundert Meter vom Besuchereingang entfernt da; von den Wellen in eine leichte S-Form gebogen, aber intakt. Man könnte ihn tätscheln, den einstigen Schrecken der Meere. Nur ein locker gespanntes, nicht einmal kniehohes Seil dient als Absperrung.

Hier finden sich zahlreiche fossile Überreste von Archaeoceti, einer frühen, ausgestorbenen Unterordnung der Wale. (Bild: Susanna Petrin)

Hier finden sich zahlreiche fossile Überreste von Archaeoceti, einer frühen, ausgestorbenen Unterordnung der Wale. (Bild: Susanna Petrin)

Forscher glaubten bei der Entdeckung von 1832 zunächst, es handle sich um einen Dinosaurier - und nannten ihn deshalb irreführenderweise Basilosaurus, also Königsechse. Noch im selben Jahrhundert wurde aber festgestellt, dass es sich nicht um ein Reptil, sondern um ein Säugetier handelt.

Die Beine wurden erst 1989 entdeckt

Doch erst 1989 entdeckte der Paläontologe Philip Gingrich von der Universität Michigan hier im Tal der Wale etwas weit Eigenartigeres: Dieses Wesen hatte Beine - komplett mit Ober- und Unterschenkelknochen, Füssen und Zehen. Viel zu klein allerdings, um den massiven Körper tragen zu können. Heute vermuten Forscher, dass sie dem Urwal höchstens noch bei der Paarung behilflich sein konnten.

Diese lächerlichen Beinchen entpuppten sich als lang gesuchtes Puzzleteil und letztes ausschlaggebendes Indiz in der lange ungeklärten Evolutionskette der Cetacea: Der Wal konnte einst laufen. Wale machten als einzige Spezies eine Kehrtwende in der Evolution: Sie kamen, wie wir alle, aus dem Wasser an Land - kehrten aber wieder ins Wasser zurück. Und das alles in relativ kurzer Zeit: Das heisst im Verlauf von etwa zehn Millionen Jahren.

Tal der Wale (Wadi al-Hitan) in Ägypten. (Bild: Susanna Petrin)

Tal der Wale (Wadi al-Hitan) in Ägypten. (Bild: Susanna Petrin)

«Der Vorfahre des Wals sah ein wenig aus wie ein Wolf», sagt Islam. Vor 50 Millionen Jahren war der Urururahne des Wals ein Raubtier auf vier Beinen, mit länglichem Kopf, scharfen Zähnen und einem Fell. Er hatte Hufe an den Zehen - der nächste Verwandte des heutigen Wals ist das Nilpferd.

Man nannte diesen Paarhufer Pakecitus, nach dem ersten Fund seiner Art, 1978 in Pakistan. Der Wolfsähnliche entwickelte sich innert nur einer Million Jahre zu einem wassergängigen Tier mit abgeflachten Hinterbeinen, die wie Paddel einsetzbar waren. Der sogenannte Ambulocetus lebte im Wasser, konnte aber auch an Land gehen. Nochmal neun Millionen Jahre später war ein Landspaziergang nicht mehr möglich: Der Wal war enorm in die Länge gewachsen und für die übrig gebliebenen Beinchen viel zu schwer.

Dafür hatte der Basilosaurus gute Augen und konnte unter Wasser hören. Er muss mit seinen starken Zähnen sogar kleinere Wale gejagt haben: Vor wenigen Jahren ist ein fossilisierter Durodon in einem einstigen Basilosaurier gefunden worden.

Im Frühling neuartiges Fossil entdeckt

Es gibt keine Saison ohne spezielle Entdeckungen seit Mitte der 80er im Wadi al-Hitan mit den Grabungen begonnen worden ist. Ein Anruf an den Grabungsleiter bringt zu Tage: Auch diesen Frühsommer wurde ein neuartiges Fossil entdeckt. «Wahrscheinlich eine neue Urwalart», sagt Mohamed Sameh Antar. Das Skelett müsse nun erst noch genauer untersucht werden.

Wir laufen vorbei an versteinerten Mangroven, einem Krokodil und einer Schildkröte. An manchen Stellen ist der Boden übersät mit runden Fossilien, klein wie Münzen. «Nummuliten, eine Einzeller-Art», sagt Islam, «ein deutliches Zeichen dafür, dass hier mal ein flaches Meer war.»

Auf einem Hügel halten wir kurz inne. Auch ohne Fossilien wäre es schön hier. «Islam, warum schwammen hier früher so viele Wale?» Es gäbe mehrere Theorien, antwortet er: «Wahrscheinlich haben sie im flacherem Gewässer mehr Nahrung gefunden. Vielleicht kamen sie hierher, um zu gebären. Oder, und das ist nur meine eigene Spekulation: um zu sterben.»

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