Interview

Luzerner Bassklarinettist Max Tschopp: «In einem Orchester ist man sofort per Du»

Das Blasorchester Stadtmusik Luzern wird 200 Jahre alt. Bassklarinettist Max Tschopp ist seit 50 Jahren mit von der Partie. Ein Gespräch über Kollegialität, das diesjährige Konzertprogramm und die kulturellen Anstösse Napoleons.

Interview: Susanne Holz
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Glänzende Aussichten mit Bassklarinette: Von seiner Wohnung im Würzenbach hat Max Tschopp einen schönen Blick auf Luzern. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 11. Dezember 2018))

Glänzende Aussichten mit Bassklarinette: Von seiner Wohnung im Würzenbach hat Max Tschopp einen schönen Blick auf Luzern. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 11. Dezember 2018))

Max Tschopp, seit 50 Jahren musizieren Sie im Blasorchester Stadtmusik Luzern. Diese Treue muss einen Grund haben. Was macht es so schön, Teil eines Orchesters zu sein?

Sehr erfüllend sind das gemeinsame Musizieren, die Kollegialität, die Gemeinschaft. In einem Orchester ist man sofort per Du, und man ist hilfsbereit. Zudem erleichtert das Orchester einem die musikalische Weiterentwicklung.

Wie entwickelt man sich weiter?

Ein Orchester muss offen sein für Neues und immer wieder neue Massstäbe setzen. Es sollte ganzheitliche Programme gestalten, die Neues und Altes verbinden. Bereichernd sind natürlich auch die Reisen, die man zusammen unternimmt. Ich lernte mit der Stadtmusik Luzern Kanada kennen, das tschechische Prag, das norditalienische Bergamo. Mein Vater Alois kam nur über die Mitgliedschaft beim Orchester ins Ausland. Man spielte repräsentative Marschmusik, und Verein und Veranstalter trugen die Kosten.

Die Musik als tonangebendes Element im Leben. Wie viel Ihrer freien Zeit beansprucht das Orchester?

Über viele Jahre hat die Stadtmusik Luzern die Hälfte meiner Zeit beansprucht. Von 1986 bis 2000 war ich ihr Präsident, zuvor 10 Jahre lang ihr Vizepräsident. Freud und Leid liegen da nah beieinander. In verschiedenen Arbeitsgruppen habe ich zudem am Aufbau des KKL Luzern mitgearbeitet und bin heute noch Mitglied der Konzerthausstiftung KKL.

Investiert man so viel Zeit und Energie in ein Hobby, dann muss sicher auch das Umfeld mitspielen?

Ja, es braucht eine tolle Frau und Familie, die müssen das mittragen und werden auch mit einbezogen. Ich hatte daneben einen toleranten Arbeitgeber: Ich konnte meine Arbeitszeiten flexibel gestalten.

Hat sich die Leidenschaft vererbt? Musizieren Ihre Kinder auch?

Beide Söhne und die Tochter musizierten früher bei der Stadtmusik. Doch ist die Tochter heute beruflich sehr gefordert, und die Söhne haben den Wohnort gewechselt – der eine zog nach Nottwil, der andere nach Baar, wo sie jeweils vor Ort in einem Orchester spielen.

Vom Vater hat Max Tschopp die Liebe zur Musik geerbt

Max Tschopp kam am 9. August 1948 in Luzern zur Welt. Sein 1914 geborener Vater Alois Tschopp spielte knapp 30 Jahre Trompete in der Stadtmusik Luzern, von 1946 bis 1974. Sohn Max wuchs im Rotsee-Quartier auf und lebt heute im Würzenbach, und das schon viele Jahre. Max Tschopp stösst 1966 zur Stadtmusik Luzern. Zieht man seine drei Jahre beruflichen Aufenthalts in Genf ab, dann ist er 2019 seit 50 Jahren Mitglied des Blasorchesters. Beim Jubiläumskonzert am 19. Januar anlässlich 200 Jahre Blasorchester Stadtmusik Luzern wird Max Tschopp ein letztes Mal die Bassklarinette spielen. Weiterhin hören kann man ihn aber im Seniorenorchester Luzern. Bis zu seiner Pensionierung war der heute 70-Jährige der Leiter des Verarbeitungszentrums Postfinance Zentralschweiz – nachdem er die obligate Laufbahn des diplomierten Postbeamten durchlaufen hatte. Max Tschopp ist verheiratet mit Romy (63), deren grosse Leidenschaft das Reiten ist. Mit den drei gemeinsamen Kindern lässt es sich gut musizieren: Sohn Erich (41) spielt Waldhorn, Sohn Armin (40) Trompete und Tochter Eliane (36) Klarinette. Seinen vier Enkelkindern Juliana, Milena, Maxine und Janick im Alter von drei bis sechs Jahren spielt Max Tschopp gerne etwas auf der Bassklarinette vor: «Die Enkelkinder geniessen die Musik, und wir geniessen die Enkelkinder.» Neben der Musik pflegt Max Tschopp seinen Garten, zieht selber Gemüse und kümmert sich ums Gartenhäuschen. Zudem ist er Präsident des Fördervereins World Band Festival Luzern. (sh)

Was für Musik hören Sie privat?

Ganz allgemein mag ich Jazz und den Klang von Big Bands.

Im Orchester spielen Sie die Bassklarinette. Ein teures und spezielles Instrument. Wie kommt’s?

Mein ursprüngliches Instrument ist die Klarinette. Das Klarinettenspiel pflege ich schon sehr lange. Vor 20 Jahren wechselte ich zur Bassklarinette, eigentlich der Stadtmusik zuliebe. Ich mag aber den warmen und ausdrucksvollen Klang der Bassklarinette sehr. Es stimmt, dass eine Bassklarinette nicht ganz billig ist – meine kostete rund 14000 Franken. Früher einmal gehörten die Instrumente in der Regel dem Verein, heute gehören sie meistens den Musizierenden, sieht man mal von der Kesselpauke und anderen Schlaginstrumenten ab.

Die Bassklarinette lieben Sie, weil ...

... sie einen warmen und schönen Klang hat. Wie das Cello im Orchester sorgt die Bassklarinette im Blasorchester für das Warme und Getragene. Auch kann man mit der Bassklarinette gut Spannung aufbauen – bei Edgar-Wallace-Filmen ist sie oft im Hintergrund zu hören.

Wenn Sie auf 50 Jahre Stadtmusik Luzern zurückblicken: Wie hat sich diese während eines halben Jahrhunderts verändert?

Als ich 1966 Mitglied wurde, baute die Stadtmusik auf ein traditionelles Repertoire. Im Lauf der Jahre entwickelte sich die Stadtmusik zu einem Blasorchester, das konzertante und zeitgenössische Blasorchestermusik spielt. Aktuell hat die Stadtmusik 80 Mitglieder, 1939 waren es rund 70 – damals trug man noch französische Grenadieruniformen.

Ein rechter Wandel.

Die Stadtmusik war immer auch ein Abbild ihrer Zeit. Früher spielte man auf der Strasse, heute im Konzertsaal. Ab 1985 war die Stadtmusik Luzern nicht mehr draussen anzutreffen. Derzeit gibt es drei grosse Blasmusikformationen in Luzern: die wettbewerbsorientierte Brassband Bürgermusik, die Feldmusik mit Fokus auf Unterhaltungs- und Schaumusik sowie die Stadtmusik mit ihren konzertanten Programmen.

Einen Einschnitt in der Geschichte der Stadtmusik stellte auch der Bau des KKL dar, oder nicht?

Mit dem KKL begann ab 1998 eine neue Ära in Luzern. Herausfordernd für jede Musikformation ist, dass man dort nur mit sehr guten Vorträgen bestehen kann. Es galt also, einen Qualitätssprung zu machen – man holte und holt sich Profisolisten und öffnet sich spezieller Literatur. Weil es prinzipiell ja ein Überangebot an Berufsmusikern gibt, war und ist das eine Win-win-Situation. Das Orchester profitiert von den Berufsmusikern, und die Berufsmusiker profitieren von uns. Wir arbeiten projektorientiert. Auch von den Landvereinen stossen temporär immer wieder Musiker zur Stadtmusik.

Bassklarinettist Max Tschopp bei der Orchesterprobe für das Jubiläumskonzert. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 4. Januar 2019))

Bassklarinettist Max Tschopp bei der Orchesterprobe für das Jubiläumskonzert. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 4. Januar 2019))

"Napoleons Truppen hatten Militärorchester begleitet, die in der Schweiz Furore machten."

1819 wurde die Stadtmusik als Alte Feldmusik gegründet. Mit dem Wiener Kongress (1814/1815) hatte nach der Niederlage Napoleon Bonapartes in den Koalitionskriegen eine Neuordnung Europas stattgefunden. Wie passte die Gründung des «Armeespiels» in diese Zeit?

Die Gründung der Stadtmusik war eingebettet in eine Vielzahl von Bürgerinitiativen. Napoleon hatte nicht nur eine neue politische Ordnung in die Schweiz gebracht, sondern auch kulturelle Anstösse gegeben. Napoleons Truppen hatten Militärorchester begleitet, die in der Schweiz Furore machten. Schon im Revolutionsjahr 1798 kam es zur Gründung des ersten noch bestehenden Musikvereins in Genf. Allerdings wurden mit einiger Wahrscheinlichkeit bereits früher in Grenznähe zu Frankreich Musikvereine gegründet, die beeinflusst waren von der damals herausragenden Qualität der französischen Blasorchester. In der Schweiz überlebte aber mancher Verein nicht lange, weil die Männer wiederholt zu Militärdiensten aufgeboten wurden. Dazu kam die grosse materielle Not. Diese war auch in Luzern ursächlich für die Idee, sich als offizielles Militärmusikkorps des Kantons zu bewerben, was 1828 von der Obrigkeit bewilligt wurde.

Heute noch denken viele bei Blas­orchester an Armeespiel und Marschmusik: Was ist von der Militärtradition geblieben?

Als das Militär in der Schweiz nach 1870 zentralisiert wurde, gab es sehr unterschiedliche Entwicklungstempi. Während im Militär vorerst die Signalmusik und spielendes Marschieren in bescheiden ausgestatteten Formationen gepflegt wurden, gewannen im zivilen Musikbetrieb Saalkonzerte an Bedeutung, in den Städten noch mehr als auf dem Land. Speziell mit Arrangements von Opernmelodien und dann zunehmend mit eigens für Blasorchester komponierten Werken (vor allem nach 1900) wurde der Grundstein für einen kultivierten Bläserklang gelegt. Dass dies gelang, lag oft auch an ausländischen Dirigenten, die eine Ausbildung mitbrachten, die es in der Schweiz lange nicht gab.

Blasorchester nach heutigem Verständnis gibt es seit ...

... rund 50 Jahren. Orchester also, die mit ausgebautem Holz- und Schlagzeug­register eine vielfältige Originalliteratur aufführen können. Und schon seit 70 Jahren gibt es in der Schweiz Brass Bands, die sich aus scheuen Anfängen zu einer bedeutenden Szene mit hervorragenden Formationen entwickelt haben. Nicht zu vergessen die Blaskapellen, die sich in der Tradition der alten Tanzkapellen einer stimmungsvollen Unterhaltungsmusik in hauptsächlich böhmisch-mährischem Stil widmen.

Beim Stadtmusikfest am 18. Mai im und ums KKL präsentieren sich diverse Blasorchester und Brass Bands. Wo steht innerhalb dieses Spektrums die Stadtmusik?

Wir haben Vertreter der oben beschriebenen Gattungen eingeladen: Die Blaskapellen werden repräsentiert durch die Blaskapelle Lublaska. Die Harmoniemusik Luzern & Horw steht für die traditionelle Harmoniebesetzung. Feldmusik Willisau, Musikgesellschaft Littau, das Blasorchester Feldmusik Neuenkirch sowie das JBL-Jugendblasorchester Luzern bilden den heutigen sinfonischen Blasorchestertyp mit ausgebautem Holz- und Perkussionsregister ab. Die Brass Bands werden durch die Kirchenmusik Flühli, die Musikgesellschaft Reiden sowie die Bürgermusik Luzern und die BML-Talents vertreten. Die Lucerne Concert Band schliesslich steht für die Gattung der Unterhaltungsorchester. Das Blasorchester Stadtmusik Luzern bildet den heutigen Blasorchestertyp ab.

Was erwartet die Besucher beim grossen Jubiläumskonzert am 19. Januar im KKL?

Unser Jubiläumskonzert steht unter dem Titel «Grosse Musik» und verspricht wunderbare musikalische Leckerbissen. Das Konzert beginnt mit einer Uraufführung des Werkes «Der Fritschiraub zu Luzern 1507» des gebürtigen Luzerners Stephan Hodel. Mit dem Klavierkonzert Nr. 2 von Sergej Rachmaninow und der Sinfonie Nr. 8 von David Maslanka entführen wir die Gäste anschliessend in die Welt der grossen Sinfonik.

Mit «Grosse Geschichte» ist das historische Konzert in Gersag-Emmen am 21. September übertitelt: Wie war das Blasorchesterrepertoire früher, und wie ist es heute?

Märsche und Tänze, wie sie uns die Franzosen in die Schweiz brachten, standen am Anfang der Harmoniemusikentwicklung. Dann kamen, aus Deutschland wie Italien, die Arrangements von Opernmelodien. In beiden Ländern gab es grosse Komponisten (in Deutschland etwa Richard Wagner, in Italien Giuseppe Verdi), die viel Sympathien für Harmoniebesetzungen hatten und Bearbeitungen ihrer Werke für Blasorchester begrüssten. Auch sonst grosse Namen schufen Originalwerke für Blasorchester: Beethoven, Mendelssohn, Rossini, Berlioz. Aber insgesamt war das Originalrepertoire lange klein. In der Schweiz gab es zuerst nur wenige Komponisten, die mehr als Märsche zur Literatur beitragen konnten. Nach 1900 kamen ausländische Komponisten, und so ging es nach dem 1. Weltkrieg aufwärts mit der Qualität der Literatur. Nach dem 2. Weltkrieg gelangten immer mehr Werke aus Übersee ins Repertoire. Heute ist Blasorchesterliteratur ein globales Geschäft.

Wir verlosen 5 × 2 Tickets

Die Feierlichkeiten des Blasorchesters Stadtmusik Luzern zum 200. Geburtstag gliedern sich in drei Teile. Gestartet wird am 19. Januar mit «grosser Musik», einem Jubiläumskonzert im KKL mit Werken von Stephan Hodel, Sergej Rachmaninow und David Maslanka. Am 18. Mai folgt das «grosse Fest», das Stadtmusikfest auf dem Europaplatz und im KKL. Am 21. September gibt es unter dem Motto «grosse Geschichte» ein historisches Konzert im Le Théâtre in Gersag-Emmen.

Für das Jubiläumskonzert der Stadtmusik Luzern am Samstag, 19. Januar, um 18.30 Uhr im KKL verlosen wir 5 × 2 Tickets. Und so funktionierts: Wählen Sie heute, Sonntag, die Telefonnummer 0901 83 30 21 (Fr. 1.50 pro Anruf) oder nehmen Sie unter www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe an der Verlosung teil. Die Gewinner werden unter allen Teilnehmern ermittelt und informiert. (sh)  

www.stadtmusik-luzern.ch

Die wichtigsten Komponisten für Blasorchester heute sind ...

Stellvertretend für viele gehören in die «Hall of Fame» zeitgenössischer Blasorchesterliteratur definitiv der Engländer Derek Bourgeois (+ 2017) und der Amerikaner David Maslanka (+ 2017). Beide schrieben hervorragende sinfonische Blasorchesterliteratur, welche die Vorzüge der Besetzung auskostet. Gute Komponisten bringen die Registervorzüge zum Tragen, etwa mit einer Saxofonführung, die vom Es-Alto bis zum Bariton- oder gar Bass-Sax einen Klang erzeugt, wie ihn eben nur ein Blasorchester hervorbringen kann. Die sinfonische Blasorchesterbesetzung hat unter den Blasmusiktypen die breiteste Klangfarbenskala. Die Brass-Band-Besetzung ist wendig, mit reizvollen Blechklängen und dynamischem Spielraum. Das Sinfonieorchester bringt einen ausgewogenen Mischklang von Streichern, Holz- und Blechbläsern ganz eigener Schönheit hervor. Und braucht nur eine limitierte Anzahl Bläser, um die Balance zu wahren. Der Sinfonieorchestertyp ist der älteste und wurde seit den Barockorchestern zu dem entwickelt, was er heute ist.

Wie ist die Blasmusikhochburg Zentralschweiz entstanden?

Mit dem Ausdruck Hochburg wäre ich vorsichtig. Bedenkt man, was sich in der nicht eben bevölkerungsreichen Gegend von Freiburg alles an hochkarätigen Blasorchestern und Brass Bands tummelt, könnte man dort von Hochburg sprechen. Umgekehrt erinnere ich mich an Zeiten, da nannte man den Aargau eine Blasmusikhochburg. Dies käme einem heute nicht in den Sinn. Vermutlich sind ländliche Verhältnisse besser geeignet zur Entwicklung hoher Blas­musikkultur als ein grossstädtisches ­Umfeld. Dass ausgerechnet bei uns im Kanton Luzern eine solche Dichte an guten Blasorchestern und Brass Bands entstanden ist, dürfte auf viele und frühe Initiativen hochkarätiger Musiker und Dirigenten in den Tälern zurückzuführen sein. Dass der legendäre Komponist und Dirigent Albert Benz (1927–1988) am seinerzeitigen Konservatorium Luzern eine professionelle Dirigentenausbildung installierte, war zudem der ­Qualität der Musikvereine förderlich. Erhalt des Erreichten und steter Aufbau von Nachwuchs sind Schlüsselfaktoren, um Hochburg zu bleiben. Im Blasorchester Stadtmusik Luzern wollen wir weiter daran arbeiten, auch im dritten Jahr­hundert des Bestehens eines der füh­renden Blasorchester der Schweiz zu bleiben.