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«In leiblichen Eltern erkennt man sich» - Die Sehnsucht von Adoptierten nach ihrer Herkunft

Auch wenn das Verhältnis von Adoptiveltern und Adoptivkind ein gutes ist – eine Wunde scheint es immer zu geben. Wie wichtig bedingungslose Liebe und das Wissen um die eigenen Wurzeln sind, schildern hier Betroffene.
Susanne Holz
Hedwig Nathalie van Ingen mit etwa zwei Jahren in Warnsveld, Niederlande, glücklich im Freien. Die spätere Kindheit ist belastet von Unklarheit und Liebesentzug. (Bild: Privat)

Hedwig Nathalie van Ingen mit etwa zwei Jahren in Warnsveld, Niederlande, glücklich im Freien. Die spätere Kindheit ist belastet von Unklarheit und Liebesentzug. (Bild: Privat)

Hedwig Nathalie van Ingen muss als Kind alle halbe Jahre zum Arzt: Sie leidet unter zu hohem Blutdruck – ganz aussergewöhnlich für ein Kind. Der Blutdruck normalisiert sich erst, als die gebürtige Niederländerin 19 Jahre alt ist und bei ihren Adoptiveltern auszieht. Damals nennt sich die junge Frau noch Nathalie – so wie die Adoptivmutter sie stets gerufen hat. 2007 wechselt die nun 36-Jährige zum Geburtsnamen Hedwig – der steht in all ihren Dokumenten. Letzten Sommer beschliesst die 47-Jährige, sich fortan mit beiden Namen vorzustellen: mit Hedwig und mit Nathalie.

Eigene Söhne bevorzugt

Mit Hedwig, der Kämpferin, und mit Nathalie, der Weihnächtlichen. «Ich möchte beide Energien vereinen», sagt Hedwig Nathalie van Ingen, deren Lebensfreude und Lebensmut lange blockiert waren von einer unglücklichen Kindheit. Die Wahlschweizerin, die in den Niederlanden aufwuchs und im Alter von nur drei Wochen in die Obhut des Bruders der leiblichen Mutter kam, erzählt:

«Ich fühlte mich wie Aschenputtel.»

Bis zum Alter von 19 Jahren geht ­Nathalie davon aus, dass der Onkel ihr Vater ist und dessen Frau ihre Mutter. Die «Eltern» haben noch drei Söhne, die stets bevorzugt werden – Nathalie muss früh kochen, putzen, einkaufen. Als Kind wird das dünne Mädchen zum Essen ­gezwungen. Und über die Tante, die ja die leibliche Mutter ist, nur das weiss Nathalie nicht, bekommt sie zu hören: «Sie ist die Schrecklichste in der Familie.»

«Ich bin gestohlen worden»

28 Jahre alt war Margaretha Josefine Ruibing, als sie 1971 ihre kleine Tochter zur Welt brachte. Ihr Mann ist selten präsent, er fährt beruflich zur See. Das Baby entstammt einer ausserehelichen Beziehung, zu der ein Paartherapeut geraten hat, um die Ehe zu retten. Als das kleine Mädchen drei Wochen alt ist, lässt sich Marga Ruibing in eine psychiatrische Klinik einweisen – wegen postnataler Depression. Nathalie kommt zum Bruder und zur Schwägerin, und diese sollte das Mädchen fortan nicht mehr loslassen.

Margaretha Josefine Ruibing 1961 in Zutphen, Niederlande, mit 18 Jahren. (Bild: Privat)

Margaretha Josefine Ruibing 1961 in Zutphen, Niederlande, mit 18 Jahren. (Bild: Privat)

Das gleiche Lächeln, der gleiche offene Blick: Tochter Hedwig Nathalie (2014). (Bild: PD)

Das gleiche Lächeln, der gleiche offene Blick: Tochter Hedwig Nathalie (2014). (Bild: PD)

«Ich bin gestohlen worden», so sieht es Hedwig Nathalie van Ingen heute. Warum gab man der Mutter das Baby nie mehr zurück? Weil es ausserehelich war? Eine Frage, zu der der 47-Jährigen nach wie vor eine Antwort fehlt. Keine klare Sicht auf die eigene Herkunft und Vergangenheit – das schmerzt. Als Nathalie acht Jahre alt ist, begeht die leibliche Mutter Suizid. Als sie zehn ist, wird sie offiziell adoptiert. Doch dass sie adoptiert ist, erfährt sie erst neun Jahre später, als sie von daheim auszieht und die Gemeinde wechselt. Die Adoptivmutter hat ihr gegenüber stets bestritten, nicht die richtige Mutter zu sein. Nathalie hatte öfter nachgefragt – es gab Gerüchte.

«Der Groschen fällt» mit 19

Das Gefühl, nicht wirklich Teil der Familie zu sein, war ein treuer Begleiter. Die heutige Therapeutin suchte schon nach ihren Wurzeln, als ihr das noch gar nicht bewusst war. «Ich war ein stilles Kind, das bis zum Alter von fünf Jahren kaum etwas ass – es gab viel Streit ­deshalb.» Immer wieder fällt das Wort «Aschenputtel», wenn Hedwig Nathalie van Ingen von ihrer Kindheit erzählt. Als mit 19 Jahren «der Groschen fällt» und die Lebenslüge klar wird, verliert Nathalie spontan das Bewusstsein.

Vermutlich fällt da auch viel Anspannung ab. Denn die ganze Kindheit und Jugend war dominiert von Anpassung.

«Adoptierte Menschen sind oft überangepasst – aus Angst, wieder verlassen zu werden.»

Das sagt die Frau, die im vergangenen Jahr plötzlich erneut die Trauer überkam, ihren leiblichen Vater nicht zu kennen. Und die begann, mit anderen adoptierten Erwachsenen Kontakt aufzunehmen und sich auszutauschen: Eine Selbsthilfegruppe ist nun am Entstehen (siehe Infobox). Die 47-Jährige erstellte zudem bereits an die 300 Podcasts mit Gesprächen mit Adoptierten, alle zwei Wochen erscheint eine neue Geschichte (http://ader-wo-adoptierte-erzaehlen.libsyn.com). «Sicher die Hälfte erlebt keine glückliche Kindheit», so van Ingen, die aus eigener Erfahrung weiss: «Die Trauer der Adoptierten über den Verlust der ersten Bezugsperson, der leiblichen Mutter, wird sehr oft nicht zugelassen.»

Selbsthilfe für Adoptierte

In der Stadt Luzern wird derzeit eine Selbsthilfegruppe für adoptierte Erwachsene aufgebaut. In vertrauensvollem Rahmen möchten Betroffene zusammen Vergangenes reflektieren und neue Perspektiven entwickeln. Die Selbsthilfe Luzern Obwalden Nidwalden sucht nach weiteren Betroffenen: Ab fünf, sechs Interessierten wird zum Treffen eingeladen. Gemeldet haben sich bisher drei Personen. Interessierte können sich ans Selbsthilfezentrum Luzern wenden, Tel. 041/210 34 44, www.selbsthilfeluzern.ch
Weitere Selbsthilfegruppen bestehen in Bern, Basel, Zürich. Kontaktadressen unter www.selbsthilfeschweiz.ch (sh)

«Eine Adoption ist immer auch ein Verlust»

Auch sie habe lange gedacht: Sei doch froh, dass du adoptiert bist. «Ich verstand nicht, dass ich ausgenutzt wurde – für die eigenen Ziele der Adoptiveltern.» Oft sei hier Narzissmus im Spiel. Liebe habe sie keine bekommen: «Es gibt leider keine Schule für Herzensbildung.» In ihren Podcasts sei es immer wieder ein Thema: Die Kinder gingen vergessen, weil im Zentrum der Kinderwunsch der Adoptiveltern stehe. Und:

Erst wenn man sich geschützt und geliebt fühlt, beginnt man, Ansprüche zu stellen, selbstbewusst zu sein.

Hedwig Nathalie van Ingen betont: «Adoption ist immer auch Verlust. Es gibt drei Parteien, die um etwas trauern – das Kind, die leiblichen Eltern und auch die Adoptiveltern.» Es sei für adoptierte Menschen wichtig, die leiblichen Eltern kennen zu lernen: «In leiblichen Eltern kann man sich erkennen. Sie sind Spiegelbild.» Durch Freundinnen ihrer leiblichen Mutter weiss die Niederländerin:

«Ich bewege mich wie meine Mutter, ich lache wie sie, ich bin wie sie. Sie war ein guter Mensch und kein schrecklicher.»

Und wenn die Adoptiveltern aber nett sind und ein herzliches Verhältnis besteht? «Eine Wunde ist erst mal da», findet Hedwig Nathalie van Ingen. «Es mag eine gute Narbe daraus werden, aber verwundet ist zunächst jedes Adoptivkind.» Studien hätten gezeigt, dass Adoptierte dreimal häufiger Suizid begingen und fünfmal häufiger suchtgefährdet seien.

Fehler wie bei allen anderen Eltern

Die ausgebildete Therapeutin ist sich jedoch auch bewusst, dass Adoptiveltern Fehler machen dürfen, genauso wie alle anderen Eltern.

«Sucht das Adoptivkind aber nach seinen Wurzeln, sollten Adoptiveltern ihm dabei helfen und nicht ­klagen und beleidigt sein.»

Van Ingen findet generell: «Es sollte in der ­Eltern-Kind-Beziehung nie um die Selbstverwirklichung der Eltern gehen, sondern immer ums Kind.»

Mit einem konstruktiven Blick sieht die heute 34-jährige Dida Guigan auf ihre Vergangenheit zurück. Die gebürtige Libanesin wurde in ihrem Heimatland adoptiert beziehungsweise noch im Spital ihrer ledigen Mutter weggenommen – gegen deren Willen. «Keine Seltenheit im Libanon», so Dida Guigan. Bei den Adoptiveltern in Lausanne erlebt das Mädchen eine glückliche Kindheit. Nichtsdestotrotz entwickelt der Teenager eine Sehnsucht nach seinen Wurzeln – und macht sich auf die Suche nach der leiblichen Mutter. Zehn Jahre dauert die Suche, zuletzt hilft Dida Guigan dabei noch das libanesische Fernsehen. Dann endlich schliessen sich Mutter und Tochter in die Arme – sehr vorsichtig zunächst. Guigan sagt:

«Meine Mutter war fast traumatisierter als ich»

Inzwischen hat sie den Verein Born in Lebanon gegründet hat, der offen für alle adoptierten Kinder und Erwachsenen ist, sensibilisieren möchte und bei der Suche nach leiblichen Eltern hilft.

Ein «eingekauftes Aschenputtel»

Einen Verein gegründet hat auch Aymara Narda Nina, und zwar 2016 den «Adoptierte Erwachsene Verein». Dieser soll ein Gefäss für Austausch und Kommunikation unter Adoptierten sein. Die 43-jährige Bernerin und gebürtige Bolivianerin wurde selbst adoptiert – mit fünf Jahren kam sie von Bolivien nach Bern. Nina: «Es war eine grosse Umstellung. Ich hatte schwarze Haare, dunkle Haut und verstand die Sprache nicht.»

Glücklich wurde sie bei ihrer Adoptivfamilie nie. Auch bei Nina fällt der Begriff «Aschenputtel». Man habe sie eingekauft. Von der Adoptivmutter sei sie nie geliebt, gefördert und unterstützt worden. Nina: «Ich reise jedes Jahr nach Bolivien und besuche meine Heimat und Landsleute. Ich habe meine bolivianischen Wurzeln immer gespürt.» Als die Bolivianerin erstmals das Heim ihrer Kindheit in Bolivien besucht und ihre damalige Betreuerin trifft, herrscht «Gefühlschaos – das Verarbeiten ist enorm». Nina sagt:

«Nach langem Aufarbeiten meiner Vergangenheit bin ich heute glücklich mit meiner eigenen Familie.»

www.adoptierte-erwachsene-verein.ch
www.zwangsadoption.ch
pa-ch.ch (Pflege- und Adoptivkinder Schweiz)
www.borninlebanon.org
www.ch.ch/de/adoption/ (gesetzlicher Überblick)

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