IRAN: Zauber und Nöte im Märchenland

Was macht die Islamische Republik Iran für Touristen reizvoll? Es sind der Einblick in 5000 Jahre persische Kultur und die Begegnung mit den überraschend offenen Menschen, deren Alltag nicht einfach ist. Eindrücke einer zweiwöchigen Gruppenreise, bei der auch ­kulinarische Freuden eine Hauptrolle spielten.

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Von Häuserfassaden herab blicken aufgemalte Soldaten in Kampfmontur und erinnern an den Iran-Irak-Krieg in den 1980er-Jahren. (Bild: Georg Anderhub / PD)

Von Häuserfassaden herab blicken aufgemalte Soldaten in Kampfmontur und erinnern an den Iran-Irak-Krieg in den 1980er-Jahren. (Bild: Georg Anderhub / PD)

Eva Holz (Text), Georg Anderhub (Fotos)

Teheran sei hässlich und lohne keinen Aufenthalt, liest man hie und da. Wir erkundeten die Hauptstadt gleich zu Beginn ausgiebig und haben es nicht bereut. Auf 1000 bis 1700 Metern am Südhang des kargen Elburs-Gebirges gebaut, ist die Metropole seit 1925 schnell gewachsen und zählt heute acht Millionen Einwohner. Ein Moloch, dessen Preziosen sich erst bei näherem Hinschauen offenbaren.

Zum Beispiel die gepflegten Parks, das Eldorado der Einheimischen. Picknicken ist eine Lieblingsbeschäftigung iranischer Familien, und wenn es sein muss, breiten sie ihre Decken auch am Strassenrand aus. Oder die rund 250 Jahre alte Golestan-Palastanlage mit den zauberhaften Spiegelmosaiken. Hier wurde 1967 der letzte Schah gekrönt, seit 2013 zählt sie zum Unesco-Weltkulturerbe. Oder jener dunkle Kellerraum der Zentralbank, in welchem die Kronjuwelen der persischen Könige zu bewundern sind, darunter der weltgrösste, 182karätige Rosé-Diamant.

Museen: Klein und fein

Nicht zu vergessen Teherans kleine, feine Museen, wie etwa die archäologische Sammlung mit ihren Fruchtbarkeitsfigürchen und modern anmutenden Tierplastiken sowie das Teppichmuseum in Form eines Nomadenzeltes, das historische Knüpfkunst mit teils witzigen Darstellungen zeigt. Nicht alle Tage zwinkert einem doch ein netter Herr mit Vogelkörper aus einer Baumkrone zu. Weit weniger vergnüglich präsentiert sich der Wandschmuck im Freien. Von vielen Häuserfassaden blicken einem die strengen Konterfeis der Ajatollahs Chomeini (gest. 1989) und Chamenei entgegen, oder es erinnern riesig aufgepinselte Märtyrer in Kampfmontur an den Iran-Irak-Krieg. Kommerzielle Werbung gibt es wenig. Dafür Rotlichtsignale mit blinkender Countdown-Anzeige. Wer hier am Steuer sitzt, weiss auf die Sekunde genau, wann es wieder auf Grün schaltet. Vielleicht mit ein Grund, weshalb dieser Megacity trotz Verkehrsgedränge eine bemerkenswerte Gelassenheit innewohnt.

Iraner: Herzlich-hoffnungsvoll

Mit Iranerinnen und Iranern in Kontakt zu treten, ist nicht schwer. «Wo kommen Sie her?», fragen sie einen bei jeder Gelegenheit auf Englisch oder gar Deutsch, und schon ist man im Gespräch. Deren interessierte, aber unaufdringliche, zuvorkommende Art hat uns immer wieder gefreut. Nicht zu überhören ist dabei der Hauch von Melancholie. Viele leiden unter dem repressiv-religiösen Herrschaftssystem, denn sie haben trotz guter Bildung wenig Perspektiven. Dass die Menschen bereits nach ersten Anzeichen der Einigung im Atomstreit jubelnd auf die Strasse gingen, überrascht nicht.

Doch wird sich nach einer wirtschaftlichen Öffnung auch für die Frauen etwas ändern? An den Universitäten mittlerweile zwar in der Überzahl, sind sie per Gesetz vielfach benachteiligt. Das auffälligste Zeichen: Männer kleiden sich in locker westlichem Stil, Frauen stehen unter Kopftuch- und Mantelzwang. Schönheit und Chic tragen sie gleichwohl genussvoll zur Schau.

Jegliche kulturelle Tätigkeit ist staatlich zensuriert und fast alles, was Spass macht, verboten. Unter dem letzten Präsidenten wurden etwa im ganzen Land Strassencafés geschlossen. Doch kleinkriegen lässt man sich nicht. So tanzt, trinkt und feiert die Bevölkerung eben im Privaten und hofft auf bessere Zeiten. Und sie tröstet sich mit den Versen ihrer verehrten Poeten Hafis und Saadi, zu deren Mausoleen im südlichen Schiras Jung und Alt pilgert. «Wir haben tausend Probleme, aber ich liebe mein Land», brachte es eine junge Künstlerin im Gespräch auf den Punkt.

Iran pflegt keine ausgeprägte Restaurantkultur, was wohl mit dem lustfeindlichen Regime wie auch dem beachtlichen Aufwand zusammenhängt, der die Zubereitung raffinierter traditioneller Speisen erfordert. Auf den Tisch kommt auswärts meist das Gleiche: Lamm- oder Pouletspiess mit Bratkartoffeln, Reis und Gemüse. Erfreulicherweise fehlen aber auch die typischen bekömmlichen Zugaben nie: frische Kräuter, Fladenbrot, Joghurt und Pickles. Dazu Dugh, ein Joghurtgetränk mit Salz, Wasser und Minze.

Essen: Daheim ists am besten

Unsere Schweizer Reisegruppe hatte das Glück, an einigen Abenden von iranischen Familien daheim bekocht zu werden (siehe Kasten). Erst diese farbenfrohen Buffets im privaten Raum eröffnen den Reichtum der persischen Küche, die sich erstaunlich eigenständig bewahren konnte. Nicht nur die Vielzahl, Varietät und Köstlichkeit der Speisen vermochten uns zu begeistern, auch ihre schönen Namen in Farsi klingen nach: Mast o Khiar (eine Joghurt-Gurken-Mischung mit Kräutern und Rosinen), Kukus (Tortilla-ähnliche Omeletten), Khorescht-e Fesendschan (Huhn mit Granatapfel-Baumnuss-Sauce) und erst recht Yakh dar Behescht (Milchpuddingstückchen mit Rosenwasser und Kardamon, wörtlich übersetzt: «Eis im Paradies»).

Eine wichtige Rolle spielt überdies Safran, der im eigenen Land kultiviert wird. Immer auf der Tafel steht deshalb Reis mit Safrankruste (Polo), mit Berberitzen oder Pistazien dekoriert. Und in kleinen Fruchtsaftläden erhält man Bastani safarani, Safraneis mit Pistazien und Rosenwasser, gern serviert auch in frisch gepresstem Karottensaft.

Unterwegs: Geschichte hautnah

Lange Busfahrten durch weithin ödes Gebiet führten uns zu den touristischen Hotspots. Dazu gehört Kaschan mit seinem jahrhundertealten wasserbespielten Fin-Garten und historischen Handelshäusern. Die Wüstengrossstadt Yazd weiter südlich verdient nicht nur wegen der reich dekorierten Jame-Moschee mit Doppelminarett einen Besuch. Bemerkenswert sind auch zwei besondere Turmarten: die zahlreich in den Himmel ragenden Windtürme, welche nach traditionell-einfacher Technik für Luftzirkulation und Kühlung in den Häusern sorgen, sowie die Schweigetürme am Rand der Stadt – Hügel, auf denen Anhänger des vorislamischen zoroastrischen Glaubens bis in die 1960er-Jahre ihre Toten den Raubvögeln überliessen.

In den Überresten von Persepolis, der 518 v. Chr. von König Darius I. gegründeten und 200 Jahre später von Alexander dem Grossen zerstörten Zeremonienstadt, beeindrucken die guterhaltenen Reliefs: stilisierte Pflanzen, Tierkampfszenen und bis ins feinste Detail ausgearbeitete Darstellungen von Abgesandten, die mit landestypischen Geschenken aus allen Ecken des persischen Reichs angereist waren, um dem Herrscher zu huldigen. Ein weiteres Must ist Schiras, wegen seiner Parks und Poetengräber «Stadt der Dichter, Rosen und Nachtigallen» genannt. Von hier bleibt der Spaziergang durch den Eram-Garten mit Palast und Wasserspielen, Palmen, Zypressen und Orangenbäumen in farbiger Erinnerung. Und der Blick vom Frühstückstisch hin zum Hotelgarten, wo vor der Revolution von 1979 ein grosszügiger Pool zum Schwimmen lud. Heute ist dieser zwar nach wie vor gefüllt, aber mit Beton. Auch Baden hat die religiöse Obrigkeit verboten.

Isfahan: Perle des Orients

Ein kleines Abenteuer bringt schliesslich die Nacht in der ehemaligen Karawanserei Zein-o-Din an der legendären Seidenstrasse mit sich, einer renovierten Festung mitten in der Wüste. Statt Zimmer mit Wänden gibt es hier durch Brokat abgegrenzte Schlafkojen in einem riesigen Raum. In Sichtweite des eindrücklichen Gebäudes ziehen freilich nicht mehr Kamelkarawanen, sondern Lastwagen vorüber.

Höhepunkt einer Iran-Reise ist unbestritten Isfahan, im 17. Jahrhundert blühende Hauptstadt Persiens und zu Recht als «Perle des Orients» bezeichnet. Atemberaubend der 1602 angelegte Meydan-e Imam im Zentrum, einer der schönsten Plätze der Welt und nach Pekings Tiananmen der grösste. Gesäumt von Arkaden und mit Wiesen und Wasserbecken zum Verweilen ausgestaltet, diente er anfänglich auch für Polospiele. Das Sehenswerteste der Millionenstadt ist um diesen Platz vereint: zwei Moscheen als Meisterwerke der islamischen Kunst an der Süd- und Ostseite, der luftige Ali-Qapu-Palast am West- und der grosse traditionelle Basar am Nordende. Alle verdienen einen ausgiebigen Besuch. Ebenfalls unbedingt anzusehen: die rund 300-jährigen Brücken über dem breiten Stadtfluss, ein beliebtes Flanierziel von Paaren und Familien.

Und wer nochmals in einer früheren Karawanserei nächtigen möchte, wählt in Isfahan das edle Abbasi-Hotel. Erneut 1001 Nacht, doch diesmal mit Wänden statt Vorhängen, eigenem Bad und einem wunderschönen Restaurantgarten im Innenhof.

Rundreise mit Einblick in Kochkultur

Hinkommen Verschiedene Agenturen bieten Rundreisen durch Iran an. Einen Einblick der besonderen Art ermöglicht das spezialisierte Zürcher Reisebüro Riahi Travel in Zusammenarbeit mit der Luzernerin Gabi Kopp.

Persisch kochen Die Illustratorin und passionierte Köchin Gabi Kopp hat 2013 im Verlag Jacoby&Stuart «Das persische Kochbuch» herausgegeben. Teils auf ihren Recherchen basierend, wird im Oktober 2016 bereits die 3. Kultur- und Kochbuchreise stattfinden. Nebst den bekannten Sehenswürdigkeiten des Landes lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einzelne Köchinnen des Buches und ihre Kochkünste kennen.

Weitere Informationen unter www.riahi-travel.ch und www.gabikopp.ch

Anderhubs Liebe zum Iran

Fotograf Georg Anderhub vor Bronzeschuhen in Teheran. (Bild: Eva Holz)

Fotograf Georg Anderhub vor Bronzeschuhen in Teheran. (Bild: Eva Holz)

Fotograf eho. Die Bilder dieser Reportage stammen vom kürzlich verstorbenen Luzerner Fotografen Georg Anderhub. Er hatte den Iran mehrmals bereist und mit seiner Kamera auch die vermeintlich nebensächlichen Momente festgehalten – zuletzt auf der Kultur- und Kochbuchreise mit Riahi Travel und Gabi Kopp im Herbst 2014.

Der 1602 angelegte Meydan-e Imam in Isfahan, einer der schönsten Plätze der Welt. (Bild: Georg Anderhub / PD)

Der 1602 angelegte Meydan-e Imam in Isfahan, einer der schönsten Plätze der Welt. (Bild: Georg Anderhub / PD)

Picknick in Teheran – wo immer Reisende Iranerinnen und Iranern begegnen, spüren sie Offenheit und Herzlichkeit; im eingehenden Gespräch erfährt man oft auch von ihren Alltagsnöten. (Bild: Georg Anderhub / PD)

Picknick in Teheran – wo immer Reisende Iranerinnen und Iranern begegnen, spüren sie Offenheit und Herzlichkeit; im eingehenden Gespräch erfährt man oft auch von ihren Alltagsnöten. (Bild: Georg Anderhub / PD)

An der Seidenstrasse liegt die 400 Jahre alte renovierte Karawanserei Zein-o-din. (Bild: Georg Anderhub / PD)

An der Seidenstrasse liegt die 400 Jahre alte renovierte Karawanserei Zein-o-din. (Bild: Georg Anderhub / PD)

Zwei Köchinnen vor ihrem reichen Buffet. (Bild: Georg Anderhub / PD)

Zwei Köchinnen vor ihrem reichen Buffet. (Bild: Georg Anderhub / PD)