Meisterwerk: Irrfahrt auf dem Höllenfloss

Dreizehn Tage treiben die Schiffbrüchigen der «Medusa» auf einem prekären Floss. Gewalt greift um sich, es kommt zu Kannibalismus. Théodore Géricault stellt den Moment der Hoffnung auf Rettung dar.

Christina Genova
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Die königliche Fregatte Medusa gilt als das schnellste und modernste Schiff ihrer Zeit. Am 2. Juli 1816 läuft sie auf dem Weg in den Senegal bei ruhiger See und guter Sicht auf eine Sandbank auf. Schuld sind Navigationsfehler und Fahrlässigkeit des inkompetenten Kapitäns, der seinen Posten nur dank Beziehungen zum französischen Königshof erhalten hat. Fast 400 Personen befinden sich an Bord. Weil der Platz auf den sechs Rettungsbooten nicht für alle reicht, baut die Besatzung aus Planken, Teilen des Mastes und Tauen ein behelfsmässiges Floss. Auf die Rettungsboote dürfen nur die feinen Leute, darunter auch der Kapitän. Obwohl man versprochen hat, das überfüllte Floss mit Hilfe der Boote an Land zu schleppen, werden schon bald die Taue gekappt. Die Ausgesetzten verfügen nur über eine Kiste Zwieback und sechs Fässer Wein. Panik, Verzweiflung und Gewalt breiten sich aus: Nur 10 von 147 Menschen überleben die Höllenfahrt.

Drei Jahre später stellte der 27-jährige Théodore Géricault sein Werk mit dem unverfänglichen Titel «Szene eines Schiffbruchs» im Salon von 1819 aus. Es beruht auf der Tragödie der «Medusa». Das monumentale Gemälde mit den Massen 491 auf 716 Zentimeter ist eine Provokation, weil es an den Skandal erinnerte, den man am Königshof gerne vergessen hätte. Wahrscheinlich ist das Gemälde vom Künstler aber nicht als politische Anklage gemeint, sondern er wollte damit Aufmerksamkeit erregen und seiner noch jungen Karriere Schub verleihen. «Das Floss der Medusa» befindet sich heute im Louvre in Paris.