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ISLAND: Eine heisse Quelle als Stammtisch

Das Land aus Eis und Feuer ist auch das Land der Pferde. Auf ihnen erreicht man die entlegensten Orte. Oder man reitet von einer heissen Quelle zur nächsten. So geht «Beizentour» auf Isländisch.
Text und Bilder: Alexandra Gächter
In Island liegt die nächste Siedlung teilweise mehrere Reitstunden entfernt. Gut, Islands kaltes Quellwasser ist eines der besten in Europa.

In Island liegt die nächste Siedlung teilweise mehrere Reitstunden entfernt. Gut, Islands kaltes Quellwasser ist eines der besten in Europa.

Text und Bilder: Alexandra Gächter

«Jaja, Sie sind schon da. Nur die Strasse ein bisschen hochfahren und dann links.» Das sagt die Stimme am anderen Ende des Telefons. Mehrmals hat der Betreiber des Gästehauses Auskunft über den Anfahrtsweg gegeben. Spät in der Nacht. Geduldig sind sie, die Isländer. Und hilfsbereit. Freundlich sowieso. Vielleicht etwas ungenau. Was heisst schon «ein bisschen hochfahren»? In der Schweiz bedeutet das ein paar hundert Meter. Doch nach ein paar hundert ­Metern ist links kein Gästehaus. Rechts auch nicht. Nach mehreren Kilometern endlich: Da steht etwas im Nebel. Beim näheren Hinsehen die Enttäuschung: kein Gästehaus, sondern Schafe. Eigentlich wenig verwunderlich, gibt es doch hier mehr Schafe als Einwohner.

In Island sind die Distanzen weiter. Zumindest wenn man auf dem Land eine Übernachtungsmöglichkeit sucht oder von einer Siedlung zur nächsten fährt. Aber wer nach Island geht, sucht in der Regel nicht die Zivilisation, sondern Ruhe, Weite, unberührte Natur, tobende Wasserfälle, Geysire, heisse Quellen und Vulkane.

Weniger bekannt ist Island für sein gutes Essen. Zwar ist das Angebot wegen der klimatischen Bedingungen beschränkt, dafür schmeckt Einheimisches wie Lamm, Fisch und Eintöpfe umso besser. Auch Pferdefleisch steht bei den Isländern auf dem Speisezettel. Reitpferde mit schwierigem Charakter oder ungenügender Gangveranlagung werden gegessen.

Ohne Pferd kein Island

Pferdezucht hat in Island seit über tausend Jahren Tradition. Im 9. Jahrhundert brachten Wikinger nordeuropäische Ponys auf die Insel. Das daraus entstandene Islandpferd war massgeblich an der Besiedelung des Landes und am Überleben der Bauern beteiligt. Das Pferd war Arbeitstier, Fortbewegungsmittel, Einnahmequelle und Nahrung zugleich. Lange Zeit konnten nur Pferde getrockneten Fisch, Heu oder andere Waren über die rauen Gebirgslandschaften transportieren. Der Pöstler verteilte die Briefe zu Pferd, und die isländische ­Familie besuchte ihre Verwandten und Bekannten ebenfalls reitend. Mit einem Gepäck- und Ersatzpferd, wenn der Weg lang war. Die Isländer vertreten darum die Meinung: Ohne Pferd gibt es kein ­Island.

Wer Island bereist, sollte dies darum zumindest teilweise auf dem Pferde­rücken tun. Auch darum, weil die entlegensten Orte nur schwer mit dem Auto zu erreichen sind. Anbieter gibt es viele, denn nebst dem Pferdeexport sind Touristen, die reiten wollen, eine wichtige Einnahmequelle für die Isländer. Wer die Zivilisation weit hinter sich lassen möchte, geht ins Hochland oder in den Norden Islands.

85 Einwohner – 10 000 Besucher

Im Norden Islands befindet sich das Dorf Hólar. 85 Einwohner nennen es ihr ­Zuhause. Hinter der Kirche stehen alte Häuser und Ställe. Die Dächer sind mit Gras überwachsen, die Aussenwände mit Torfblöcken isoliert. Diese schützen nicht nur vor der Kälte, sondern auch vor Windstürmen. Gleich daneben befindet sich ein Pferdemuseum und Islands Hochschule, an der man einen Abschluss in Pferde- und Fischzucht sowie Tourismus absolvieren kann.

Alle zwei Jahre findet das Landsmót, das grösste Pferdeturnier Islands, statt. Im Jahr 2016 war Hólar Gastgeber. 10 000 Besucher aus ganz Europa hauchten dem 85-Seelen-Dorf Leben ein. Geschlafen wurde während des mehrtägigen Turniers im Zelt neben dem Turniergelände. Nicht selten sieht man die ausländischen Besucher in Winteroveralls, mit dicken Handschuhen und Mützen. Sommer, das heisst in Nordisland durchschnittlich 12 Grad. Fünf Grad mit eisigen Windböen sind ebenso möglich wie 20 Grad. Bei Letzterem geraten die Einheimischen schnell ins Schwitzen. «Heute ist Mallorca-Wetter», heisst es dann.

Auf dem Weg von Hólar nach Húsavik befindet sich der mächtige Wasserfall Goðafoss. Seinen Namen erhielt der Götterwasserfall, weil nach der Annahme des Christentums im Jahr 1000 heidnische Götterbilder in den Wasserfall ­geworfen wurden.

In der Nähe von Húsavik können körperlich fitte Besucher ihre ungefähr 100 PS mit einer einzigen Pferdestärke tauschen. Mehrmals im Jahr machen sich so Gruppen von etwa 20 Personen auf den Weg. Geritten wird im Tölt. Das ist eine relativ schnelle, aber erschütterungsfreie Gangart, welche die meisten anderen Rassen nicht beherrschen. Eine Besonderheit des Islandpferdes also. Wie es in Island Tradition ist, wird mit einer freilaufenden Herde geritten. Diese zusätzlichen ungefähr 30 Pferde dienen als Wechsel- und Ersatzpferde. Als Herdentiere folgen sie in der Regel automatisch den anderen. Nimmt eines Reissaus, ist es die Aufgabe der Tourenleiter, es mit ihren Pferden einzukreisen und wieder in die Herde zurückzutreiben.

Toilette ist überall dort, wo niemand sitzt

Die Reittouren dauern zwischen vier und sechs Stunden pro Tag. Es geht bergauf, bergab, entlang der Küste und schwarzen Sandwüsten, durch zerfurchte, erdbebenerschütterte vulkanische Gegenden, durch Lavafelder, Ödland oder durch buschiges Gebiet. Stundenlang reitet man, ohne einer Menschenseele zu begegnen, die nicht zur Gruppe gehört. «Ríðum, ríðum, rekum yfir sandinn», singen die Tourenleiter. Ein altes Reiterlied, bei welchem man darum bittet, sicher zu Hause anzukommen und nicht bösen Geistern oder Elfen über den Weg zu laufen.

Bald ist das Gesicht schwarz vor Staub, die Kehle trocken. Kurz anhalten, um zu trinken oder zu pinkeln? «Geht nicht», ruft einer der Tourenleiter. Ist die Herde einmal in Bewegung, müssen ­entweder alle anhalten oder niemand. Selbstverständlich gibt es mindestens zwei festgelegte Pausen pro Tag. Die mitgebrachte Verpflegung wird sitzend auf dem Erdboden eingenommen. Die Toilette befindet sich überall dort, wo gerade niemand sitzt. Die Pferde machen es auch so.

Das Wetter ändert oft in Island. Stetig ist nur die kühle Brise, deren einzige Änderung sich auf leicht wehend oder stark wehend beschränkt. Nach einem langen Ritt entspannen sich Reiter und Tourenleiter in einer heissen Quelle, von denen es in Island zahlreiche gibt. Egal, wie kalt es draussen ist, in der Badehose bis zum Wasser rennen, das schafft man immer. Im «Hot Pot» gibt es Getränke zum Anstossen. Für die Tourenleiter geht damit ein Arbeitstag zu Ende. Anstatt ein Bier in der Beiz gibt es ein Bier im heissen Bad.

In den Tagen darauf führt der Weg dem Vulkan Gaesafjöll entlang zum Gebiet Þeistareykir. Rauch steigt auf, es stinkt nach faulen Eiern. Farbenfroh blubbert es aus den Erdspalten. Die zahlreichen Schwefelquellen gehören zum Vulkansystem. Zum Baden sind sie viel zu heiss. «Under construction» beschreibt der Isländer dieses Gebiet. Das Land formt sich hier erst noch. Nach einer Nacht in einer kleinen Berghütte geht es weiter zum Naturparadies Mývatn, das von mächtigen Vulkanen umrahmt ist. Im nahegelegenen geothermalen Schwimmbad ist erneut Entspannen angesagt. Das Jarðböð, so heisst das Bad, ist der Stammtisch der Dorfbewohner. «Wer Klatsch und Tratsch aus dem Dorf hören will, muss hierherkommen», sagt Tourenleiterin Hildur Vésteins­dóttir.

Die bösen Geister und Elfen waren nicht schuld

Am letzten Tag der Reittour überqueren Pferd und Reiter den Fluss Laxá, der reich an Lachsfischen ist. Danach ist der atemberaubende Blick frei auf die Bucht von Skjálfandi. Die Islandpferde – hart und genügsam – meistern auch die letzten Kilometer ohne ersichtliche Mühe. Im Gegensatz zu den Reitern, welche nicht alle zu Pferd das Ziel erreichen. Schuld sind aber nicht die bösen Geister oder Elfen. Manchmal gibt jemand auf, manchmal fällt jemand runter. Manchmal mehrere. Mit dem Auto geht es dann zurück in die warme Stube. Ob mit dem Auto oder mit dem Pferd angekommen, zu Hause kann sich jeder bei einem reichhaltigen Essen, bei isländischem Gesang oder im «Hot Pot» erholen und die gewonnenen Eindrücke verarbeiten.

Eine unkomplizierte Reise auf dem Ringweg

Der Weg in den Norden Islands ist einfach. Der Hringvegur (Ringweg) führt rings um die Insel. In Reykjavik fädelt man mit dem Auto ein, dann geht es alles dieser Strasse entlang. Nach vier Stunden Fahrt ohne Abbiegen trifft man in Hólar, nach weiteren zweieinhalb Stunden in Húsavík ein. Wer will, kann dort auf das Pferd umsteigen, um das Gebiet rund um den Mývatn oder das Þeistareykir zu erkunden.

Ab Húsavík kann man nach Reykjavik zurückfliegen. Es ist einer der kleinsten Flughäfen der Welt – ohne Sicherheitskontrollen, ohne Anstehen. Einfach den Koffer aufs Förderband stellen, das Ticket mitnehmen und ins Flugzeug steigen. (ag)

Dank Islands heisser Quellen ist Baden draussen eine Wohltat. (Bild: Heidi Feldmann)

Dank Islands heisser Quellen ist Baden draussen eine Wohltat. (Bild: Heidi Feldmann)

In Island gibt es alte Häuser, welche an den Seiten mit Torfblöcken isoliert sind. (Bild: Alexandra Gächter)

In Island gibt es alte Häuser, welche an den Seiten mit Torfblöcken isoliert sind. (Bild: Alexandra Gächter)

Auf langen Touren wird eine Herde mitgetrieben, um das Reitpferd wechseln zu können. (Bild: Alexandra Gächter)

Auf langen Touren wird eine Herde mitgetrieben, um das Reitpferd wechseln zu können. (Bild: Alexandra Gächter)

Alle zwei Jahre findet in Island das Landsmót, das grösste Pferdeturnier des Landes, statt. (Bild: Alexandra Gächter)

Alle zwei Jahre findet in Island das Landsmót, das grösste Pferdeturnier des Landes, statt. (Bild: Alexandra Gächter)

Bild: Karte: deb

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