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Pro & Contra

Ist Klimaaktivistin Greta Thunberg ein Vorbild – oder gehört sie beschützt?

Die junge Schwedin Greta Thunberg setzt sich hartnäckig fürs Klima ein – und sie polarisiert. Könnte die 16-Jährige zur Anführerin einer neuen Massenbewegung werden? Oder ist es unverantwortlich von Umweltorganisationen, sie vor den Karren zu spannen? Ein Pro und Contra.
Die 16-jährige schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg. (Bild: Keystone/Monika Skolimowska)

Die 16-jährige schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg. (Bild: Keystone/Monika Skolimowska)

Pro: Die Welt braucht eine Massenbewegung – und Greta Thunberg könnte sie anführen

Sabine Kuster, Redaktorin CH Media. (Bild: Alex Spichale)

Sabine Kuster, Redaktorin CH Media. (Bild: Alex Spichale)

Dass sich das Klima erwärmen würde, davon spüren wir in diesen Tagen gerade wenig. Und sowieso ist der Klimawandel ein unfassbares Problem. Man kann gut auch einfach nicht dran denken, wenn man nicht gerade vor einem Schweizer Gletscher steht. Aber jetzt gibt es diese 16-jährige Schwedin, die unermüdlich gegen das Nichtstun protestiert. Dass der CO2-Ausstoss gestoppt werden sollte, weiss man nicht erst, seit Greta Thunberg im August begann, die Schule zu bestreiken für den Klimawandel. Aber wahrscheinlich brauchte die Klima-Bewegung ein überzeugendes Aushängeschild wie Greta. Ein Vorbild.

Wer nun bloss davon redet, wie das Mädchen mit dem Asperger-Syndrom von der Politik instrumentalisiert wird und medial breitgeschlagen, unterschätzt Greta Thunberg. Natürlich ist das der Fall. Aber auf ihrer Reise ans Weltwirtschaftsforum WEF nach Davos sagte sie: «Jeder Artikel über mich muss den Klimawandel thematisieren. Das ist gut.» Das tönt nicht nach Opfer. Sondern nach jemandem, der genau weiss, wie man die Aufmerksamkeit der Medien und der Politik für sich nutzen kann.

Wenn Medienanfragen aus der ganzen Welt auf einen einprasseln, dann ist das immer stressig, um so mehr für eine 16-Jährige mit dem Asperger-Syndrom. Aber ob sie Schaden davonträgt oder gar daran zerbrechen wird, ist noch lange nicht gesagt. Ja, als Mensch mit Asperger stressen sie die vielen Leute, die etwas von ihr wollen. Aber wenn Greta Thunberg morgens aufsteht, weiss sie genau weswegen. Sie hat ihre Mission gefunden. Als Jugendlicher kann einem nichts besseres passieren (als Erwachsener wohl auch nicht). Sie ist nicht wie andere in ihrem Alter auf der Suche nach sich selber und einem Sinn. Sie muss keine Orientierungslosigkeit in Alkohol ertränken. Sie sitzt nicht mit destruktiver Miene im Klassenzimmer.

Ja, man kann auch etwas zur Rettung einer Erde mit einem lebbaren Klima beitragen, wenn man nicht am WEF auftritt. Löblich, wer still für sich aufs Fliegen verzichtet und Veganer wird. Aber was die Welt jetzt braucht, ist eine Massenbewegung. Greta Thunberg könnte sie anführen. Es gibt schlimmere Schicksale. Man muss sich Greta glücklich denken.

Contra: Greta Thunberg gehört auf keine Konferenzen – sie gehört in den Arm genommen.

Fabian Hock, Redaktor CH Media. (Bild: Chris Iseli)

Fabian Hock, Redaktor CH Media. (Bild: Chris Iseli)

Malala Yousafzai, die unter der Terrorherrschaft der Taliban litt; die Jesidin Nadia Murad, die vom IS gefoltert wurde – es gibt Fälle, wo junge Menschen in die Öffentlichkeit treten müssen, um auf furchtbare Entwicklungen aufmerksam zu machen. Und es gibt den Fall Greta Thunberg. Die 16-Jährige hat kein Martyrium erlebt. Trotzdem geht es ihr sehr schlecht. Sie ist geplagt vom Klimawandel. «Ich will, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre», sagt Greta. «Ich will, dass ihr in Panik geratet.» Bei der Klimakonferenz in Polen trat sie auf, zuletzt am WEF in Davos. Die Funktion, die Greta für die Klimalobby übernehmen soll, ist dabei einzig: Betroffenheit auslösen. Denn freilich ist es nicht so, dass eine 16-Jährige, aufgewachsen in behüteten Verhältnissen in Schweden, in Sachen Klimawandel irgendein Argument vorbringen könnte, das die Diskussion weiterbringt.

Der Klimawandel ist eine der grössten Herausforderungen unserer Zeit. Doch auch beim Klimaschutz gibt es – so unverständlich das für manche sein mag – gegenläufige Interessen. Der Kohlearbeiter blickt von einer anderen Warte auf das Thema als die Umweltingenieurin. Gleichwohl muss es einen Konsens geben, dass die Menschen akzeptieren, künftig mehr Geld fürs Benzin zu berappen. Wer wissen will, was passiert, wenn man darauf verzichtet, sollte nach Frankreich blicken, wo die Gelbwesten wegen der Benzinpreise das halbe Land auseinandernehmen.

Den Konsens erreicht man nur mit kluger Politik, nicht mit Moralappellen. Und schon gar nicht mit Panik. Dass eine 16-Jährige diese Zusammenhänge so nicht realisiert, kann ihr weiss Gott niemand vorwerfen. Dass Umweltaktivisten sie mit ihrem Tatendrang jedoch vor den Karren spannen, ist unverantwortlich. Greta Thunberg ist ein Kind mit einer guten Idee, das jedoch offensichtlich in ihrem Umfeld niemanden hat, der ihr Engagement kritisch begleitet und in die richtigen Bahnen lenkt. Statt ihr die Angstzustände zu nehmen, bereitet man ihr die grösstmögliche Bühne. Dabei sollte ihrem Umfeld klar sein, dass Greta auf keine Konferenzen gehört. Sie gehört in den Arm genommen.

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