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Serie

Jede Alltagsgeste wird mit 70 zur Kränkung (Generationen-Serie 5/5)

Schon länger weg vom Job, den Lebensabend vor Augen, und dann verachten einen sogar Gegenstände: 70 ist nichts für Feiglinge. Und trotzdem ist 70 das perfekte Alter, so die Hauptfigur dieser munter-nachdenklichen Kurzgeschichte.
Max Dohner
Bei einem ausgedehnten Mittagessen lässt es sich bestens über Vor- und Nachteile des Alterns philosophieren. (Bild: Getty)

Bei einem ausgedehnten Mittagessen lässt es sich bestens über Vor- und Nachteile des Alterns philosophieren. (Bild: Getty)

Es ging wieder mal bis drei Uhr nachmittags. Wir hatten überhockt wie gewöhnlich, Reto und ich – nennen wir ihn Reto. Er ist 74, ich bin zehn Jahre jünger; das macht auf dieser Höhe keinen Unterschied. Ein Mittagessen, geschäftig angesetzt, weil alle geschäftig tun heutzutage. In Wahrheit blosse Mimikry. Der reflexhafte Hohn zweier reifer Herren, will sagen: nie wirklich reifender Lausstricke gegen das «zielführende Handeln» der Gegenwart.

Natürlich hatten alle unsere Treffen «genug Raum nach vorn und hinten», wie Reto das formulierte, «wie ein Golfrange, würden wir mal einen Ball voll danebenhauen». Genau das war der Sinn: zu reden, wie es halt dachte, kreuz und quer im Oberstübchen.

Reto hatte, als Gründer und Chef einer KMU, seine Überzeugungen und Gesinnung. Von aussen sah das aus wie ein fest umrissenes Weltbild. Innen hatte er, ständig hellwach, eine mordsmässige Lust, sich geistig stimulieren zu lassen. Schnell und anarchisch funkte sein Witz.

Reto war politisch interessiert in hohem Mass. Bis zu jenem Mass, das schlagartig in Politik-Ekel kippen kann. Er hatte eine Art Speerspitze-Kreis gegründet mit Gleichgesinnten, um jahrzehntelang «den Anfängen zu wehren». Er glaubte, mit 74 mehr denn je, er und sein Kreis stünden allein gegen alle, «im Ernstfall» melde sich aber zuverlässig der alte Streetfighter in ihm zurück, der Beisser.

Vermutlich hockten da auch bloss Menschenverdruss und Stänkerlaune, ähnlich wie bei mir, die üblichen Geier am Rand austrocknender Jahre. Gnatzen, murren, maulen bereitet nun mal Vergnügen. Aber Reto schien, im Gegensatz zu mir, quicklebendig, geradezu juvenil zu aller Art Abenteuer aufgelegt. Aus tiefem Herzen war er pragmatisch. Menschenfreundlich in der Art, die den Einzelnen lange sich selbst überlässt, dann aber mit Taten hilft statt mit Worten. Wir mochten uns leiden, sehr gut leiden, Reto und ich.

An jenem Tag, von dem ich erzähle, kam Reto von einer Kadersitzung seiner Firma und sagte, dass man ihm zu verstehen gegeben habe, ihn zu Gunsten der Etappe abzuziehen von seiner geliebten «vordersten Front». Kaum hatte das Gestammel begonnen im Sitzungsraum, hatte Reto kapiert. «Mit 74 kennst du deine Pappenheimer», sagte er. «Man weiss, dass die Leute alles, was sie heimlich-feist im Stillen zu denken glauben, in Wahrheit in stereotypen lauten Bahnen denken.»

«Als hätte ich es nicht längst vermutet», rief ich, «du spielst im Kopf der anderen teuflisch gern Gedankenschach!» – «Auch du, Brutus», antwortete Reto, «meinst also, graue Wölfe dürften keinen Vorteil mehr haben? Drei Vorteile, um genau zu sein: die Antizipation fremder Gedanken mit achtzig Prozent Trefferwahrscheinlichkeit. Zweitens – ebenfalls dank Erfahrung – die Voraussehbarkeit von neunzig Prozent allen menschlichen Handelns. Drittens die hundertprozentig machiavellistische Spiel- oder Jonglierlust des in wundervoller Klarheit und Illusionslosigkeit ergrauten Hauptes.»

Reto lachte und bestellte einen zweiten Roten beim Kellner. Viertens, dachte ich, hat der Siebzigjährige für Wein die absolute Nase. Und geniesst in vollen Zügen, fünftens, dass ihm alle jedes gezeigte Interesse jederzeit als Mitgefühl anrechnen. Kernige Alte wollen bei Verstand bleiben, und so auch wahrgenommen werden. Es wäre unklug, wenn nicht bescheuert, auch im Alter noch herumzuheucheln.

Daran hielt sich Reto auch am Tag seiner Entmachtung. «Dafür habe ich diese Leute doch eingesetzt», erklärte er, «fürs strategische Denken zum Nutzen der Firma. Sie haben mein Vertrauen, selbstverständlich! Nur als Feuerwehrmann müssen sie mich fortan nie mehr aufbieten, das machte ich unmissverständlich klar.» Offenbar konnte Reto «loslassen» – Kunststück: Im Hintergrund behielt er als Eigner die Kontrolle. Und im Vordergrund unterhielt er seit kurzem, genossenschaftlich organisiert, einen Weinberg am Brienzersee.

Wann wurde Reto mal müde, erschöpfend müde? Erst mit 84, 94, 100? «Hör mir auf mit dem Schattenmann, diesem Vollidioten», sagte Reto. Warum ist der Tod ein Idiot? «Der denkt sich null Komma nix zu den Klientinnen und Klienten. Winkt allen gleich zu, ohne Unterschied, mit seiner dämlichen Sense. Von ihm leitet jede Matschbirne ab, gleichgültig durchs Leben surfen zu dürfen; scheint doch einerlei, ob man ein brauchbarer Teil des Ganzen wird oder ein Verbrecher», sagte Reto. Und fügte an: «Tod ist kein Tabu, obwohl ihr das unentwegt breittretet. Weshalb soll sich der ü-70er ‹speziell emotional damit befassen›, wie Heftlipsychologen raten? Jeder neue Tag begrüsst uns ja mit der Frohlockung: ‹Bürschchen, das könnte schon dein letzter sein.› Das hättet ihr wohl gern: Wenn die Alten endlich freiwillig zum Kindergarten regredieren. Aber genau das ist gut und zäh an alten Knochen: Die kannst du krumm, aber einfach nicht dumm kriegen.»

Reto beugte sich vor, mit prüfenden Blicken nach links und rechts, eine seiner beliebten, mässig gut geschauspielerten Kinoparodien: «Ganz unter uns: Über ein Tabu des Alters können wir allerdings reden, worüber wirklich keine Sau spricht. Nicht weil man sich dessen schämen würde, nein, weil es kaum jemand wahrnimmt.» Reto senkte die Stimme fast bis zum Flüstern: «Achtung: Ich spreche von der Tücke des Objekts.»

Habe ich Retos Ausführungen richtig verstanden, erwartet uns, nach seiner Wahrnehmung, ab 70 die folgende Banalitäts-Hölle: Lange merkt man nichts davon, wie das Haar dünn wird, buschig die Brauen. Man sieht den spriessenden Faden nicht, mitten aus der Stirn; der Geisterfaden hat da weder eine Aufgabe, noch einen Sinn. Wächst bloss zum Zeichen, dass im inneren System gewisse Steuerbefehle aus dem Ruder laufen. Früher stiess man sich nicht so häufig den Schädel, wenn man dem Auto entstieg. Das Portemonnaie platzte auch nicht jedes Mal auf am Boden, zog man es aus der Tasche. Kein Schlüsselbart verhakte sich im Winkel der Hose und riss irreparabel einen Dreiangel auf.

Kurz: Ab 70 wird jede Alltagsgeste zur Kränkung, artet alles aus in einen clownesken Krampf. Eine allgemein mit den Jahren sich einstellende Gemeinheit nimmt ü-70 rasant zu, die Tücke des Objekts. «Die Gegenstände z’leidwerchen uns», sagte Reto, «als widere selbst sie es an, sie, die ohne Seele sind, dass man trottelig mit ihnen hantiert. Betrete ich dann das Zimmer, worin ich unruhig genächtigt habe, schnuppere ich umher im eigentlich ureigenen Zimmer, wird mir jetzt doch etwas bang: Genauso ‹alt› roch damals das Zimmer meines Grossvaters auch.»

«Gesundheit!» Zwinkernd hob Reto sein Glas: «Siebzig ist nichts für Feiglinge. Und das, verflucht, ist wahr. Siebzig ist perfekt. Du fühlst dich wie am Mittelpunkt der Welt. Ankommen im Zentrum des Lebens, in deinem über weite Teile fremdbestimmten, in wesentlichen Teilen aber doch unverwechselbaren ureigenen Werk.»

Und so brachen wir munter auf, Reto (74) und ich (in sieben Monaten pensioniert). Seine Bomberjacke mit dem Logo der 101. US-Luftlande-Division am Rücken, einen schreienden Adler, warf sich Reto um die Schulter, im gleichen Schwung, mit dem er aufgestanden war. Ich trabte zur Garderobe und zog meinen speckigen Reporter-Burberry vom Bügel. Schlüpfte rein, umso spastischer, je näher ich der Tür kam, die Reto mir offenhielt.

Draussen blinkte schon sein Jeep Renegade, als sich Reto fluchend über die Frontscheibe beugte. Den Busszettel in der Hand, spähte er umher, giftiger Adler nun auch er. Am Rand des Parkplatzes stellte er gerade noch den bleichen Mann, der ihm das Ticket verpasst hatte. Als er Reto auf sich zu­ hasten sah, schob er eilig seinen tragbaren Printscanner hinter die Hüfte. Ohne Vorgeplänkel hackte Reto auf ihn ein. Nach einigen Minuten nahm der Wachmann den Wisch zurück. Reto gratulierte ihm zum «Mut der Tüchtigen» und klopfte ihm auf die Schulter. Der Wachmann schien noch eine Spur kleiner zu werden, gleichzeitig aber auch einen Kopf zu wachsen, über sich hinaus.

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