Jeder will elektrisch sein

Bis zum übernächsten Sonntag werden am 89. Autosalon in Genf wieder rund 700000 Besucher erwartet. Sehen werden sie viele elektrifizierte Modelle, aber weiterhin auch Boliden zum Träumen.

Bruno Knellwolf
Drucken
Teilen

Sogar Jeep, Inbegriff für den Geländegänger schlechthin, dessen Fahrern gemeinhin Öl am Hemd klebt, hängt nun seine Autos an die Steckdose. Stolz präsentiert der ehemalige Jeep- und heutige Fiat-Chef Mike Hanley in Genf den Jeep Renegade und Jeep Compass mit Plug-in Hybrid. Kein Autoboss verpasst es, bei der Präsentation seiner Neuheiten, die Elektromobilität in höchsten Tönen zu loben und seine teil- und ganz elektrifizierten Modelle anzupreisen.

Noch vor kurzem waren sie in der Nische platziert, in Sonderausstellungen zu sehen, jetzt stehen die Elektromobile und die Hybride am stärksten im Scheinwerferlicht des gestern eröffneten 89. Autosalons, neudeutsch «Geneva International Motor Show» GIMS genannt. Die Prognosen scheinen manchmal gewagt – Hanley spricht davon, dass im Jahr 2024 in europäischen Städten ein Trend hin zu 80 Prozent Elektrifizierung gehe. So stehen im Mittelpunkt des Jeep-Standes also die neuen Plug-in-Hybridmodelle mit Batterien, die auch über eine Steckdose aufladbar sind. Dies ermöglicht den Einsatz leistungsfähigerer Elektromotoren, was bei Renegade und Compass PHEV zu einer rein elektrischen Reichweite von etwa 50 Kilometern und einer rein elektrisch erreichbaren Höchstgeschwindigkeit von etwa 130 Kilometern pro Stunde führt.

Einige sind erst in der Studienphase

Da mag auch Seat-Chef Luca de Meo nicht hinten anstehen und präsentiert den neuen Cupra Formentor ebenfalls mit einem Plug-in-Hybrid, der die gleiche Reichweite wie die Jeeps erreicht – und schwärmt schon vom ersten rein elektrischen Auto der spanischen Marke, das eine Reichweite von 420 Kilometern erreichen soll und Ende 2020 auf den Markt kommt. «Wir fürchten die Zukunft nicht mehr», sagt de Meo, was darauf deuten lässt, dass einigen Autobauern die Elektrifizierung bis anhin doch einiges Kopfzerbrechen bereitet hat. Auf den Elektrozug ist auch die erfolgreiche tschechische VW-Tochter Skoda aufgesprungen und stellt in die Mitte ihres Stands die Konzeptstudie Vision iV, ein rein elektrisches Crossover-Coupé mit 306 PS Leistung, Allradantrieb und bis zu 500 Kilometern versprochener Reichweite. Volvo gehört zwar zu den vielen Abwesenden wie Opel, Ford, Hyundai und Jaguar, hat aber seine Tochter Polestar in Genf platziert. Diese Tochter bietet mit dem Pole­star 2 ihr erstes vollelektrisches Premium-Fahrzeug mit einer Reichweite von 500 Kilometern, das gegen das Model 3 von Tesla antritt.

Das Smartphone als Herzstück

Fiat will das junge Publikum mit dem Centoventi locken und Olivier Froncois sagt gar, das Herzstück ihrer visionären Modelle sei nicht der Elektromotor sondern das Smartphone. Das Auto wird zum Gadget, voll online, mit Apple-Musik an Bord und ersetzbaren Autoteilen, die zu Hause mit dem 3D-Drucker gedruckt werden können.

Einige Autohersteller sind noch in der Studienphase, andere bieten schon die gesamte Palette wie zum Beispiel der PSA-Konzern. So präsentiert Peugeot den schön geformten neuen Peugeot 208 nicht nur als Verbrenner, sondern auch im E-Modus. Und Renault macht das mit dem neuen Clio auch so. Und bei Hybriden mit dem Prius einst der Anführer, zeigt Toyota den neuen Corolla selbstverständlich auch in der Hybrid-Version.

Unter den 900 Modellen, darunter rund 150 «Welt- oder Europapremieren, finden sich aber auch viele konventionelle Neuheiten. wie der Mazda CX-30 als kompakten SUV oder der handliche Skoda Kamiq. Und geträumt darf auch werden: Stehen doch Autos wie der Ferrari 48, der AMG GT-R, der Bentayga Speed, den Bentley mit 306 km/h als schnellstes SUV der Welt feiert, der Lamborghini Aventador SV oder das «Voiture Noire» von Bugatti in Genf. In me-too Zeiten nicht mehr statthaft sind anscheinend Hostessen vor den Autos – und wenn doch, dann nur zusammen mit einem Mann.