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Ein Jahr #MeToo: Jetzt sind die Männer dran

Ein Jahr ist es her, seit mit #MeToo eine angestaute Wut vieler Frauen ein Ventil fand. Sexuelle Belästigung ist seither überall Thema. Nur im Alltag hat sich für Frauen (noch) nicht viel geändert.
Maria Brehmer
Bild: Getty (Bild: Getty)

Bild: Getty (Bild: Getty)

#MeToo, ein Hashtag, erfunden von der Schauspielerin Alyssa Milano im Oktober 2017, ist zu einem Begriff geworden, der so viel Kraft hat, dass er schweigende Frauen zum Reden und grosse Männer zu Fall brachte. Politiker verloren ihre Sitze im amerikanischen Kongress (John Conyers), Kinogrössen ihre Reputation (Kevin Spacey) und britische Minister ihren Posten (Michael Fallon). In allen Sektoren des öffentlichen Lebens kamen und kommen Vorwürfe von sexuellen Übergriffen ans Licht.

18 Millionen Einträge unter #MeToo auf Twitter

Der Hashtag #MeToo ist zu einem Symbol, ja zum Inbegriff einer lange angestauten Wut von Frauen auf der ganzen Welt geworden. 18 Millionen Einträge finden sich unter #MeToo auf Twitter, sie alle berichten von sexuellen Übergriffen: von der Hand am Po bis zur Vergewaltigung.

Frauenaffäre oder übergriffiges Verhalten?

Auch in der Schweiz gerieten Männer öffentlich unter Druck, wie der Fall des wegen Nötigung verurteilten Walliser Nationalrats Yannick Buttet zeigt. Er sei «über eine Frauenaffäre gestolpert», schreibt die NZZ. Für «unangemessenes und übergriffiges Verhalten» sei der CVP-Politiker bekannt, schreibt die «Tages-Woche». Das schnelle Fazit: Seit #MeToo werden Opfer wahrgenommen und Täter zu Fall gebracht.

Was erst einmal wie eine Flutwelle durch das Internet schwappte und dem Frust der Frauen Plattformen und Echoräume bot, hat auch viel Hass und Gegenwind heraufbeschworen. Männer fühlen sich kollektiv als «Schweinehunde» beschuldigt und gingen verunsichert entweder in Deckung oder zum gehässigen Gegenangriff über.

Ein Gradmesser für feministische Anliegen

Inzwischen hat sich die Bewegung zu einer umfangreichen Diskussion über die Gleichberechtigung von Männern und Frauen entwickelt. Was erst wie eine Flutwelle durch das Internet schwappte und den angestauten Frust der Frauen in die Medien spülte, fand auch in der analogen Welt die nötigen institutionellen Akteurinnen und Akteure, um als Bewegung nicht an Nachdruck zu verlieren.

Der US-Bundesstaat Kalifornien etwa will künftig per Gesetz mehr Frauen den Weg in die Führungsetage von Unternehmen ebnen. In Rumänien gibt’s ­Bussen bei «Grapschen».

Und in der Schweiz wird 2018 erstmals ernsthaft über eine Frauenquote im Bundesrat diskutiert. Ignazio Cassis empfiehlt überraschend deutlich, zwei Frauen in die Regierung zu wählen – was dem FDP-Aussenminister viel Kritik einbrachte. Es darf vermutet werden, ambitionierte Politiker würden gerade jetzt, ein Jahr vor den eidgenössischen Wahlen, mit feministischen Anliegen die weibliche Wählerschaft ins Boot zu holen versuchen. Dass heute mehr denn je mit Frauen Politik gemacht wird, ist eine Folge der Bewegung.

Was hat die Bewegung im Alltag verändert?

#MeToo befeuerte Debatten über Lohngleichheit, Vaterschaftsurlaub, Political Correctness. Doch dürfen nicht einzig Politikentscheide Gradmesser dafür sein, wie sehr sich feministische Anliegen in der Schweiz durchzusetzen vermögen.

«Die Frauen haben schon mehr Gehör bekommen. Aber im Ausgang hatte das bei meinen Kolleginnen und mir keine Auswirkungen. Die Männer akzeptieren auch heute oft ein Nein nicht als Nein»,

sagt eine 23-jährige Studentin bei einer von uns durchgeführten Umfrage an der Pädagogischen Hochschule in Zürich. Dass es «im Ausgang immer noch gleich viele blöde Anmachen gibt», bestätigt eine andere. Auf unsere Frage, was sich nach einem Jahr #MeToo verändert hat, reagieren die befragten Frauen enttäuscht.

«Die Diskussion wird besonders von Männern
leider oft ins Lächerliche gezogen.»

In einer US-amerikanischen Studie gab die Hälfte der befragten männlichen Studenten an, ein Anrecht auf Sex zu haben, wenn die Frau mit nach Hause kommt. Es existiert die Vorstellung, dass ein Mann mit Aufdringlichkeit eine Frau zum Sex überreden kann. Ein Verdienst der Bewegung ist, diese Vorstellungen zu hinterfragen und neue zu verhandeln.

Der Wandel geht vielen Frauen nicht schnell genug

Dass es einigen jetzt nicht schnell genug gehen kann, ist verständlich: Vielen Frauen ist erst seit #MeToo bewusst, dass sexuelle Übergriffe, insbesondere in Zusammenhang mit strukturell bedingter Machtausübung, Unrecht sind. «Time»-Chefredaktor Edward Felsenthal sagt:

Die Bewegung darf durchaus als eine der schnellsten Veränderungen in unserer Kultur seit den 1960er-Jahren bezeichnet werden,

Die Vehemenz, mit der sich Frauen hierzulande gegen sexuelle Übergriffe engagieren, ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Zeitenwende: Die Scham der sexuellen Belästigung ist weitgehend abgelegt. Unrecht wird nicht mehr verschwiegen. #MeToo gab Frauen die Berechtigung, ja Ermutigung, sich zur Wehr zu setzen. «Man muss nicht begründen, warum man nicht begrapscht werden will. Ich habe jetzt mehr Mut als zuvor. Sexuelle Belästigungen gehen nicht! Auch nicht, wenn man betrunken ist», sagt eine Frau in unserer Umfrage.

Männer müssen mitdiskutieren

Das erste Jahr mit #MeToo ist ein Anfang mit Wirkung. Dass es nach wie vor vor allem Frauen sind, die über Sexismus und sexuelle Gewalt diskutieren, bemängelt eine junge Frau in unserer Umfrage. Hilfreich wäre, wenn Männer und Frauen gleichsam einen Standard setzen: Gewalt? Erniedrigung? Dulden wir nicht! Die Grenze sollte nicht zwischen Männern und Frauen, sondern zwischen Recht und Unrecht gezogen werden.

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