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Juden feiern ihr Purimfest – es ist ein Karneval der besonderen Art

Die Fasnacht in der katholischen Zentralschweiz ist bereits Vergangenheit. Im jüdischen Kontext indessen steht der Karneval unmittelbar bevor: Am kommenden Dienstag wird das sogenannte Purim-Fest gefeiert.

Benno Bühlmann
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Jährlich im März feiern Jüdinnen und Juden weltweit ihren Karneval – das sogenannte Purim-Fest. Misha Pless von der Chabad-Gemeinde Zentralschweiz, beruflich als leitender Arzt am Luzerner Kantonsspital tätig, erläutert die Hintergründe des Festes. «Es erinnert an einen vereitelten Anschlag gegen die jüdische Gemeinde im fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.» Laut der hebräischen Bibel (Buch Ester) habe Haman sein Amt als höchster Regierungsbeamter des persischen Königs Achaschwerosch (historisch: Xerxes I.) für ein übles Vorhaben ausgenutzt. «Sein Plan war, das jüdische Volk zu vertilgen, zu erschlagen, zu vernichten, alle Juden vom Knaben bis zum Greis, Kinder und Frauen, an einem Tag.»

Der Name Purim leitet sich von «pur» ab, was so viel wie «Los» bedeutet. Laut Überlieferung habe der Minister Haman Lose ziehen lassen, um den Vernichtungstag der Juden zu bestimmen. Dieses Vorhaben wurde durch Königin Ester und deren Onkel Mordechai verhindert. Ester dachte nicht an ihr eigenes Leben. Sie trat vor den König und schaffte es, ihr Volk zu retten, während Haman und alle, welche die jüdische Gemeinde ausrotten wollten, hingerichtet wurden. Ester soll damals ein Fest gegeben haben mit köstlichem Essen und reichlich Alkohol. So heisst es im Buch Ester: «Mordechai (…) machte ihnen zur Pflicht, den vierzehnten und den fünfzehnten Tag des Monats Adar in jedem Jahr als Festtag zu begehen. Das sind die Tage, an denen die Juden wieder Ruhe hatten vor ihren Feinden.»

Allesamt verkleidet gemäss dem Motto «Wilder Westen»: Familie Drukman am Purim-Fest 2019 der Chabad-Gemeinde in Luzern.

Allesamt verkleidet gemäss dem Motto «Wilder Westen»: Familie Drukman am Purim-Fest 2019 der Chabad-Gemeinde in Luzern.

Bild: Benno Bühlmann (21. März 2019)

Das Fest steht jeweils unter einem Motto

Ein Augenschein vor Ort im März 2019 hat aufschlussreiche Eindrücke vermittelt, wie sich das Fest gestaltet: Im Gemeindezentrum der jüdischen Chabad-Gemeinde in Luzern hat sich eine bunte Gästeschar eingefunden. Die Anwesenden sind in Fest­laune, und viele von ihnen haben sich für den bevorstehenden Anlass ein originelles «Outfit» zugelegt. So auch die Familie von Rabbi Chaim Drukman und seiner Frau Rivky, deren sieben Kinder in Cowboy-Montur auf sich aufmerksam machen, während ihr Vater sich als Sheriff mit Cowboy-Hut zu erkennen gibt. Da fällt es nicht schwer, das Motto des Purim-Festes zu erraten: Diesmal dreht sich beim jüdischen Karneval für einmal alles um den «Wilden Westen».

Die zwölfjährigen Zwillinge Chaya und Levi freuen sich auf das Programm und sind sichtlich begeistert vom Fest: «Es gefällt mir, wenn sich die Leute für das Purim-Fest farbig verkleiden», meint Chaya, und auch Levi pflichtet ihr bei, dass mit dem Thema «Wilder Westen» ein tolles Motto gewählt wurde.

Erinnerung an einen vereitelten Anschlag

Die eingangs beschriebene Geschichte aus dem Buch Ester wird auch an diesem Abend durch eine besondere Inszenierung im Gebetsraum des Gemeindezentrums in Erinnerung gerufen: In der Synagoge liest Rabbi Chaim Drukman traditionsgemäss in hebräischer Sprache aus der Festrolle des Buches Ester vor. Und immer, wenn der Name Haman fällt, soll mit Purim-Ratschen geklappert oder mit den Füssen gestampft werden. Vor allem die Kinder haben grossen Spass daran, so viel Krach wie möglich zu machen.

Im Anschluss an diese spektakuläre Lesung in der Synagoge wartet im grossen Saal nebenan ein reichhaltiges Buffet mit vielen köstlichen Speisen auf die anwesenden Gäste. Zum Essen gibt es am Purim-Fest meist Hamantaschen oder Nunt, aber vor allem auch süsse Speisen wie Mohn, Nüsse oder Schokolade. Die dreieckigen «Hamantaschen» sollen den Hut des Verhassten symbolisieren oder ein Zeichen für seine Bestechlichkeit sein. Das Purim-Festbrot, die Challa, wird aus einem langen Zopf gebacken, Symbol für die Stricke, an denen Haman erhängt wurde. Zudem werden in einigen Gemeinden süsssaure Speisen gereicht, um die zwei Seiten des Festes darzustellen: Trauer und Freude.

Es fliesst reichlich Alkohol

Wie Misha Pless weiter erzählt, hätten sich gläubige Juden am Purim-Fest wenn immer möglich an insgesamt vier «Pflichten» zu orientieren: Erstens sollte die Erzählung der Geschichte aus dem Buch Ester nicht fehlen. Zweitens gelte es, an diesem Tag arme Leute zu unterstützen, und drittens, einander Geschenke zu machen. Und schliesslich – viertens – sei es an diesem Tag durchaus erlaubt, etwas mehr Alkohol als üblich zu trinken und «happy» zu sein. Je nach Gemeinde kommt es am Purim-Fest gelegentlich auch zu Parodien: Einmal im Jahr dürfen Frauen sich wie Männer kleiden und umgekehrt, oder Kinder können mit falschem Bart Rabbiner spielen.

Und jetzt steht es wieder kurz bevor: Am 10. März feiert auch die jüdische Gemeinde in Luzern wieder ihr Purim-Fest. Heuer ist «China» das Thema.