«Jung & Alt»-Kolumne
Zwischen uns liegt eine Weltpremiere: Der Pillenknick

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unser Autor Ludwig Hasler, 76, alternierend mit Samantha Zaugg, Journalistin, 26. Diese Woche erklärt Hasler, weshalb seine Generation nicht nur nach Individualismus strebt.

Ludwig Hasler
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Ludwig Hasler ist Philosoph und Publizist.

Ludwig Hasler
ist Philosoph und Publizist.

Bild: zvg

Liebe Samantha

Du siehst dich in einer «Generation der Möglichkeiten». Wo gehöre ich dann hin – zur «Generation der Tat­sachen» vielleicht?

Könnte sich reimen. Zwischen uns passierte ja eine Weltpremiere: der Pillenknick, 1965. Seither seid ihr (im Prinzip) allesamt Wunschkinder. Wir nicht. Ihr aber: herbeigewünscht als elternbeglückende Goldschätze, bewundert schon in der Fassung, wie ihr angeliefert kamt.

Wir nicht. Wir mussten uns rechtfertigen, nichts da mit «Du bist okay», stattdessen: Disziplin, Mundhalten, Ausdauer et cetera. Ihr wuchst in eine Welt der Möglichkeiten hinein, vornehmster Daseinszweck: die eigene Einzigartigkeit auswickeln. Wir wachten auf in einer Welt sehr irdischer Erwartungen: Rasch brauchbar sollten wir werden, etwas Nützliches lernen, uns widerstandslos einfügen, dabei störte Individualität eher, gefragt war Tüchtigkeit, sicher nicht Einzigartigkeit.

Ich zeichne mit grobem Stift, es geht nicht anders. Schrieben wir uns in der NZZ, würde ich wohl sagen: Ihr lebt in der Welt der Optionen, wir in der Welt der Obligationen. Ihr habt die Wahl, wir die Verpflichtungen. Oder verkehrt sich das soeben? Kommen wir Alten in der Welt der Optionen an? Seuchenbedingt abgebremst, logisch, doch gleich sind wir als Erste geimpft, dann ziehen wir wieder los, solange wir bei Kräften sind, also stets länger, erlebnislustig wie in einer zweiten Pubertät, frei von Erwerbsdruck und Existenzangst, dem Tod entrinnen wir nicht, unser Leben ist im Trockenen.

Während auf euch das ganze Gewicht der Tatsachen kommt. Der Freiheitsverzicht wegen Corona, deren finanzielle und mentale Hypotheken, eher trübe Zukunftsaussichten. Das sehe ich im Spiel, wenn Du von «Scharniergeneration» sprichst. Du siehst den Einzigartigkeitstrip in der Sackgasse, nennst Selbstverwirklichung «Spleen». Weil sie weltfremd ist? Weil die Realität keine Bühne hergibt für Individualitätstheater? Weil die Welt statt Ich-Getändel gemeinsames Handeln braucht – für Natur, Klima, Freiheit?

So leuchtet mir dein Scharnier ein. Auch als Antwort auf meine Frage damals: Die Flanke wird wieder wichtiger als die Frisur. Das wäre damit klar, theoretisch. Auch praktisch? Du beobachtest, wie die Generation Z bereits kollektiver unterwegs ist. Leitspruch «I’m like the other girls». Ja, das hat Zukunft.

Auch Gegenwart? Ich liess mir sagen, der akut erfolgreichste Popstar sei Billie Eilish, 19. Schau ihren Videoclip «Therefore I Am»: Sie hüpft durch eine leere Shoppingmall, schnappt sich eine Cola, eine Brezel, ein Donut, singt davon, wie zufrieden sie mit ihrem  Leben sei, weil sie niemanden brauche, der ihr sage, wie sie leben solle ... Eine Hymne auf Einzigartigkeit!

Was nun, Samantha? Noch mehr Bildung?

Ludwig

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