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JURA: Zum zärtlichen Berg

Im Hochtal des Lac de Joux ist unser Autor diesmal unterwegs, im berühmten Uhrmachergebiet.
Sicht auf den 1697 Meter hohen Mont Tendre. (Bild: Melchior Rudenz)

Sicht auf den 1697 Meter hohen Mont Tendre. (Bild: Melchior Rudenz)

Kennen Sie den höchsten Gipfel des Schweizer Jura? Nicht? Schade, denn der Mont Tendre, so heisst er, liegt erstens in einer prächtigen Landschaft und ist zweitens ohne grössere Anstrengung zu erklimmen. Schliesslich ist 1779 sogar Johann Wolfgang von Goethe dort oben gewesen, auf des Pferdes Rücken wohlverstanden. Wir hingegen gehen zu Fuss, womit wir in Le Pont, dem Dörfchen am östlichen Ende des Lac de Joux, anfangen. Wir marschieren dem See entlang bis L’Abbaye, wo 1126 ein Prämonstratenser-Kloster errichtet worden ist, von dem ausser einem gotischen Turm aber nichts mehr übrig geblieben ist. Mitten im Dorf biegen wir links ab und folgen dem Wegweiser Richtung Les Croisettes. Links der Sägerei führt der Weg hoch bis zum Hinweisschild «Grange St. Michel», wo wir rechts den Wald betreten und dem Weg folgen, bis erneut ein Wegweiser uns nach Les Croisettes dirigiert. Vorher, im Wald, auf jeden Fall nicht nach rechts abbiegen, weil dieser Weg zwar verführerisch ist, aber in die Irre führt, wie wir herausfinden mussten.

Fortan ist alles ganz einfach: Wir folgen dem bestens ausgeschilderten Pfad, der uns schliesslich zum Mont Tendre führt. Dazwischen erleben wir eine zauberhafte Juralandschaft, mal lockeren Fichtenwald, mal weite, gelegentlich von Steinmäuerchen begleitete Alpweiden. Es ist Anfang Juli, und an schattigen Stellen blühen immer noch Früh- lingsblumen. Die Schmetterlinge scheinen begeistert zu sein. Andere Lebewesen sehen wir keine, Menschen nicht und auch keine Kühe oder gar Pferde, sonst ja ziemlich heimisch in dieser Gegend.

Über Wiesen und durch lichten Wald hinunter bis zum See

Inzwischen hat es keine Bäume mehr, wohl wegen der harten Winter hier oben. Dafür sehen wir jetzt den Gipfel, umgeben von Dolinen und Karrenfeldern, typisch für den Kalkuntergrund des Jura. Allerdings interessiert uns das momentan nicht besonders, denn über dem Mont Tendre, 1679 Meter hoch, braut sich ein Gewitter zusammen. Und exakt auf die Minute, als wir ganz oben ankommen, um die verheissene grandiose Aussicht auf Genfersee und Mont Blanc zu geniessen, ist hier nichts mehr zärtlich, wie es der Name des Berges verspricht: Es blitzt und donnert und hagelt wie verrückt, so dass wir in höchster Eile jenseits des Gipfels wieder runterrennen, um in der nächsten Hütte Schutz zu suchen. Sie heisst Chalet de Yens und liegt nicht am Weg, der zum Col de Marchairuz führt, wohin wohl die meisten wandern, sondern für uns exakt richtig, nämlich auf der Route zurück zum Lac de Joux, unser nächstes Ziel. Nach einer halben Stunde Unterstehen marschieren wir wieder los. Es geht jetzt fast vertikal nach unten, wieder über Wiesen und durch lichten Wald, wir fühlen uns wie in einer Parklandschaft. Nach weiteren zwei Stunden Wandern, die Kleider inzwischen luftgetrocknet, haben wir 600 Höhenmeter hinter und den Lac de Joux gleich vor uns: Wir sind in Les Bioux. Auf der anderen Strassenseite steht das Hotel Les trois Suisses, wo man ordentlich essen und notfalls auch übernachten kann, um am anderen Tag dem See entlang nach Le Pont zurückzuwandern. Nun, vielleicht ein andermal. Jetzt freilich suchen wir die Bushaltestelle, was uns Gelegenheit gibt festzustellen, dass an Les Bioux, gleich wie an Le Pont oder L’Abbeye das Wirtschaftswunder Schweiz offenbar spurlos vorbeigezogen ist. Die Häuser sind, wenn nicht verlassen, ärmlich, und auch die Infrastruktur macht einen eher verlotterten Eindruck. Vis-à-vis steht ein Industriebau von Swatch, doch er hinterlässt nicht den Eindruck, dass Herr Hayek ihn als Vorzeigebetrieb betrachtet. Dabei war das hier mal ein florierendes Uhrmachergebiet. Und man «produzierte» Eis, im 19. Jahrhundert. Das Hochtal des Lac de Joux ist eine der kältesten Gegenden der Schweiz. Im Winter wird die Eisdecke über einen halben Meter dick. Dieses Eis wurde früher gewerbemässig abgebaut, in guten Jahren um die 40000 Tonnen, und hernach an Spitäler und Restaurants verkauft. Bis nach Paris: Zwischen Le Pont und der Seine-Stadt gab es einen täglich verkehrenden Eiszug.

Vorbei, wie auch unser zwischenzeitlich etwas feuchter, aber ansonsten höchst erfreulicher Ausflug auf den nur in Ausnahmefällen nicht total zärtlichen Mont Tendre.

Melchior Rudenz

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