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Wikipedianer: Die Kämpfer für das freie Wissen

Zum ersten Mal treffen sich die deutschsprachigen Wikipedianer in der Schweiz. An der Wikicon 2018 in St.Gallen wird über die Weiterentwicklung der Internet-Enzyklopädie diskutiert und die wachsende Wiki-Familie vorgestellt.
Bruno Knellwolf

Wikipedia ist die am fünftmeisten angeklickte Webseite der Welt, verfügbar in rund 300 Sprachen. Sie erhält jeden Monat 15 Milliarden Seitenaufrufe, die deutschsprachige Wikipedia allein eine Milliarde. Da liessen sich Werbebanner bestens verkaufen und Milliarden verdienen. Doch Wikipedia lebt nicht von der Werbung, sondern sammelt Spenden – und wird von einer gemeinnützigen Stiftung geleitet.

Wikicon 2018

Die deutschsprachige Wikipedia-Gemeinschaft von Belgien bis ins Südtirol trifft sich vom 5. bis 7. Oktober in St. Gallen an der Wikicon 2018. Erstmals findet diese jährliche Konferenz der Wikipedianer in der Schweiz statt, und zwar an der Kantonsschule am Burgraben. Die Wikicon wird von den Trägervereinen Wikimedia Deutschland und Wikimedia CH veranstaltet. Erwartet werden etwa 300 Editoren, mehrheitlich aus Deutschland. Das «Forum des Freien Wissens» können Nicht-Wikipedianer am Samstag, 6. Oktober, ohne Anmeldung besuchen. www.wikicon.org

Geld ist somit kein Antrieb für Wikipedianer, von denen es weltweit etwa 80000 gibt und die bis heute 50 Millionen Artikel verfasst haben. Auch nicht für Lars Haefner, der im Organisationskomitee der Wikicon 2018 sitzt, der jährlichen Wikipedianer-Konferenz, welche Anfang Oktober erstmals in der Schweiz stattfindet. Haefner hat sich vor 14 Jahren und 210 Tagen in der Wikipedia angemeldet, und sein Wiki-Name «Albinfo» verrät seinen Antrieb. Als Kenner des Balkanlandes und Mitarbeiter bei Hilfsprojekten lag es ihm 2003 am Herzen, das Wissen zu Albanien auf Wikipedia zu mehren. Das Land war ­damals noch ein weisser Wiki-Flecken. «In den Anfangsjahren war vieles auf Wikipedia noch unbeschrieben», sagt Haefner. Er habe einfach loslegen können. Heute sei er immer noch motiviert, mit verlässlichen Informationen Vorurteile gegenüber diesem Balkanland abzubauen.

Schweizer Wikipedianer der ersten Stunde

Der in Zürich wohnende und bei der Krebsliga Schweiz in Bern arbeitende Lars Haefner gehört somit zu den Wikipedianern der ersten Stunde. Am 15. Januar 2001 gründete der Internet-Unternehmer Jimmy Wales die Wikipedia, «um eine frei lizenzierte und hochwertige Enzyklopädie zu schaffen und damit lexikalisches Wissen zu verbreiten». Die Betreiberin ist die Wikimedia Foundation, eine Non-Profit-Organisation mit Sitz in San Francisco. Der Verein Wikimedia CH hat keinen festen Sitz, aber acht Mitarbeiter.

«In den Anfangsjahren hatte Wikipedia einen Ansturm an Autoren, heute weniger», sagt Haef­ner. Sie profitierten davon, dass es anfangs noch weniger Regeln und Einstiegshürden für Wikipedianer gab. Diese wurden schrittweise erhöht, um die Qualität zu sichern. Denn die freie Autorschaft hat ihre Tücken. Wenn jeder reinschreiben darf, was er für richtig hält, ist die Gefahr der Manipulation zu Gunsten einer Lobby, eines Politikers oder einer Firma gross.

Vor solchen Versuchen ist Wikipedia nicht gefeit. Im Jahr 2016 versuchten Angestellte der Zürcher Kantonalbank Passagen aus einem Artikel zur Rolle der Bank bei der Übernahme des Industriekonzerns Sulzer zu löschen. Auch politische Inhalte sind heikel. Russland hat zum Beispiel den Wikipedia-Eintrag zur abgeschossenen Malaysia-Airline MH17 frisiert und die eigene, international bewiesene Schuld auf ukrainische Soldaten umgeschrieben.

Fehler werden schnell korrigiert

Der Vorwurf, jeder Internetnutzer könne die Inhalte verfälschen, aus Unwissenheit und mit Absicht, begleitet Wikipedia seit ihrer Gründung im Jahr 2001. Auch für Lars Haefner ist klar, dass gerade wegen der Offenheit des Systems die Qualität von Artikel zu Artikel unterschiedlich ist. «Bei der Beurteilung eines Artikels braucht es den gesunden Menschenverstand», sagt der Wikicon-Organisator. Fehlten brauchbare Quellen oder sei der Text schlecht leserlich, sei dieser mit Vorsicht zu geniessen. Trotzdem hält er das System insgesamt für verlässlich:

«Jeder hat die Möglichkeit, einen Artikel zu verbessern und zu verändern. In den meisten Fällen werden Fehler spätestens nach ein paar Tagen festgestellt und korrigiert.»

Erfahrene Wikipedianer hätten zudem einen Sichterstatus, um Artikel auf ihre Richtigkeit prüfen und allenfalls zurückhalten zu können. «Nicht alle Wikipedia-Sprachen haben einen Sichterprozess. Die deutschsprachige Wikipedia hat deshalb eine besonders hohe Qualität», sagt Haefner. Politische Inhalte, internationale Konflikte blieben aber heikel.

«Wikipedia ist nie fertiggeschrieben», sagt Haefner. Immer werde aktualisiert, nachgetragen. Diese Aktualität hält er für eine der Stärken von Wikipedia. Ebenso auf alle Fragen eine Antwort zu haben und umfassend zu sein. Hinzu kommt als Vorzug die Möglichkeit, mit einem gemeinschaftlichen, demokratischen Prozess Wissen zusammenzutragen.

Veränderungen sind schwierig

Gerade der demokratische Prozess sei aber auch eine Schwäche. Wikipedia habe keinen Chef, Veränderungen seien sehr schwierig durchzubringen. Auch der Vorteil, im Gegensatz zu einer gedruckten Enzyklopädie «unendlich» Platz zum Schreiben zu haben, ist nicht immer ein Segen. Texte auf Wikipedia-Seiten haben oft Überlänge. Zudem sehe die Webseite beinahe immer noch gleich aus wie bei der Gründung und müsste nach Haefner modernisiert werden.

Modern hin oder her, Wikipedia wächst. Laufend entstehen neue Wiki-Anwendungen: Wikidata, Wiktionary, Wikisource, Wikispecies, Wikinews und neu auch Wikivoyage, ein Reiseführer, der an der Wikicon in St. Gallen vorgestellt wird. Wiki wächst auch in der Schweiz. Die deutschsprachige Wikipedia hat diese Woche die Marke von genau 2'222'222 Artikeln überschritten. Beim neusten handelt es sich um den Artikel «Der schwarze Mustang», in dem eine Erzählung von Karl May vorgestellt wird. Sogar die Schweizerdeutsche Wikipedia wächst. «Am 14. September hat sie den Meilenstein von 25'000 Artikeln erreicht», sagt Lars Haefner. Und sogar eine rätoromanische Version gibt es.

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