Kinder unter Schock – Wenn schlimme Erlebnisse Spuren hinterlassen

Jedes Kind erlebt irgendwann Dinge, die seelisch belastend sind. Eltern sollen ihre Kinder deswegen nicht in Watte packen, sondern darauf vorbereiten, sagt Traumaexpertin Marianne Herzog.

Katja Fischer De Santi
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Ein schlimmes Erlebnis führt zu einer Überforderung des Gehirns, welches diese Reize nicht verarbeiten kann (Bild: Getty)

Ein schlimmes Erlebnis führt zu einer Überforderung des Gehirns, welches diese Reize nicht verarbeiten kann (Bild: Getty)

Der siebenjährige Leo isst fast nichts mehr. Nachts wacht er schreiend auf, kann alleine nicht mehr einschlafen. In der Schule ist er zappelig, schlägt scheinbar grundlos um sich. Die Lehrerin ist genervt, die Eltern sorgen sich. Sie kommen an Leo nicht mehr ran. Was die Eltern und Lehrer zuerst nicht wissen: Leo hatte vor einigen Wochen auf dem Schulweg ein schreckliches Erlebnis. Ältere Buben haben einen Mitschüler an einen Baum gefesselt, ihn gequält. Leo hat alles beobachtet, danach haben die Buben Leo gedroht, er dürfe nichts ­erzählen. Er hat es dann doch ­erzählt, die Eltern waren schockiert, die Schulleitung auch. Die Buben müssen mit Konsequenzen rechnen. Doch Leos Verhalten bleibt auffällig.

Leos Reaktion auf das aussergewöhnlich belastende Erlebnis sei normal und gehöre zum Verarbeitungsprozess, sagt Marianne Herzog. Sie ist Fachpädagogin für Psychotraumatologie und arbeitet seit mehr als sieben Jahren einerseits mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen und ist andererseits europaweit in der Weiterbildung von Fachpersonen tätig. Für Herzog ist klar: Fast jedes Kind erlebt irgendwann Dinge, die seelisch belastend sind: Krankheit, Gewalt, ein Unfall, vielleicht sogar Tod. Doch während die einen Kinder darunter ein Leben lang leiden, traumatisiert werden, kommen andere damit besser zurecht.

Marianne Herzog ist Fachpädagogin für Psychotraumatologie (Bild: PD)

Marianne Herzog ist Fachpädagogin für Psychotraumatologie (Bild: PD)

Ein sicherer Ort, eine verlässliche Bindung

Um ein schreckliches Erlebnis zu überwinden, braucht ein Kind in erster Linie Eltern, die mit der Situation umzugehen wissen und sich nicht scheuen, wenn nötig Hilfe zu holen. «Kinder mit einer sicheren Bindung können auch schlimme Erlebnisse besser verarbeiten», sagt Marianne Herzog, die auch Schulen im Umgang mit seelisch belasteten Schülern berät. Die Aufgabe der Eltern sei nicht, ihre Kinder in Watte gepackt vor der bösen Welt abzuschirmen, sondern sie darauf vorzubereiten.

«Wir alle kommen nicht durchs Leben, ohne Tod, Krankheit und grosse Enttäuschungen zu erleben, aber wir haben Bewältigungsmöglichkeiten dafür.»

Kindern bräuchten Schutz, aber auch Herausforderungen. Besonders Selbstwirksamkeit mache Kinder stark. «Wenn sie etwas tun, mit den Händen bauen, klettern, selber ein Problem lösen, erfahren sie ihre Stärke, fühlen sich der Welt nicht ausgeliefert, sondern als handelnder Teil davon.» Hier ortet Marianne Herzog einen Grund, warum ­viele Kinder heute eine erschreckend tiefe Widerstandkraft hätten.

«Die Kinder erfahren die Welt nicht mehr. Statt draussen zu spielen, machen sie ihre Erfahrungen am Bildschirm.»

Schon Kleinkinder erlebten etwa im Fernsehen massive Gewaltdarstellungen. Sie fühlen sich diesen Bildern ausgeliefert, unfähig zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Das Resultat sei dann beispielsweise bei einem Fünfjährigen zu beobachten, der Angst habe, in einen Apfel zu beissen, weil er fürchte, dass ein allfälliger Wurm im Apfel drin zum Drachen mutiere und ihn verschlinge, so wie er es in einem Game gesehen hat.

Das Echsenhirn speichert nur Bruchstücke

Ein Trauma wird von der WHO als «starke seelische ­Erschütterung» definiert. Ein schlimmes Erlebnis führt zu einer Überforderung des Gehirns, welches diese Reize nicht verarbeiten kann. «In solch einer Situation stellt das Hirn auf den Gefahrenmodus um», erklärt Herzog und nimmt dafür das Bild der Echse zur Hilfe. «Wenn die Echse das Zepter übernimmt, werden Entscheidungen mit hoher Geschwindigkeit gefällt. Es geht ums Überleben. Doch die Echse hat nur drei Möglichkeiten zu ­reagieren: Kampf, Flucht oder Schockstarre.»

Das Echsenhirn kann keine zusammenhängenden Erinnerungen speichern, sondern nur Bruchstücke. Ereignisse werden oft als unzusammenhängende Fragmente und nicht unbedingt in korrekter zeitlicher Folge abgespeichert, die Erinnerung ist bruchstückhaft. Traumatisierte können noch Monate später plötzlich in Angst und Schrecken verfallen, ohne den Grund dafür zu verstehen.

Das Trauma, die unverarbeitete Angst, bleibt in tiefen, dem Bewusstsein unzugänglichen Hirnregionen gespeichert.

Diese Fragmente treten dann später als Trigger auf und versetzen das Hirn wieder in den Echsenmodus, auch wenn objektiv gar keine Gefahr mehr besteht. Das kann ein rotes Auto sein, ein Wort, ein Geruch. Bei Leo war es seine blaue Mütze. Die Buben hatten sie ihm über den Kopf gezogen, damit er nicht alles sieht. Er weigerte sich wochenlang, eine Mütze zu tragen. Wenn ein Kind hingegen weiss, dass es etwa von einem roten Auto angefahren wurde, begreift es seine Panik beim Anblick eines roten Fahrzeugs – und kann sie mit der Zeit verlieren.

Vom Krieg in der eigenen Familie

Es hängt von vielen Umständen ab, ob und wie schnell das traumatische Erlebnis verarbeitet werden kann. Naturkatastrophen können in der Regel besser verarbeitet werden. Auch macht Marianne Herzog die Erfahrung, dass Flüchtlingskinder zwar oft Schreckliches erlebt und gesehen haben, sie aber die Ereignisse oft verarbeiten können. Findet der «Krieg» hingegen in den eigenen vier Wänden als häusliche Gewalt statt und passiere dies in ­frühester Kindheit, sei eine Erholung oft sehr schwierig.

Bei Leo liessen die Symptome nach einem Monat deutlich nach. Er geht jetzt ins Karate-Training. Und seine Oma hat ihm eine neue Kappe gestrickt, sie ist rot und nicht blau.

Samstag, 17.11., St.Galler Forum zum Thema «Wie stärken wir uns und unsere Kinder?», Fürstenlandsaal Gossau. Mit Referaten von Marianne Herzog und Cornelia Schinzlarz. www.elternbildung.sg.ch