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Klar, wir sollten die Erde retten – doch wer ist eigentlich «wir»?

Der Klimawandel stellt uns vor ein schwieriges Problem: Er überfordert fast alle Denkschemata, mit denen wir die allermeisten Probleme lösen oder zumindest bewältigen können. Doch weil sie aus der Erfahrung stammen, taugen sie nicht viel für diese neue Herausforderung. Denn der Klimawandel ist ganz anders, als was wir gewohnt sind.
Christoph Bopp
Der Klimawandel wird die grossen Städte besonders treffen. Ob am Meer oder draussen auf dem Land. (Bild: Ben Good/Getty Images/iStockphoto)

Der Klimawandel wird die grossen Städte besonders treffen. Ob am Meer oder draussen auf dem Land. (Bild: Ben Good/Getty Images/iStockphoto)

Viele Zeitgenossen nervt das Gerede um den Klimawandel. Sie kleben – Seelentherapie – behände eine Bindestrich-Etikette drauf: «Klima-Hype» oder «Klima-Hysterie». Das schmerzt andere, man will doch gelassen bleiben, rational-vernünftig, cool, Aufregung schadet doch nur.

Liest man den Bestseller des US-Journalisten David Wallace-Wells «The Unhabitable Earth», wird es aber schwieriger, dergleichen durchzuhalten. Ob die Aufzählung alles dessen, was uns widerfahren könnte (nicht alles wird uns widerfahren, das räumt der Autor gerne ein), genau das bewirkt, das nottäte, bleibt offen. Wir ersaufen, wir verhungern und verdursten, wir verrecken an Seuchen, wir sterben an Überhitzung, wir werden verschlungen von Schlammlawinen – zwölf «Elemente des Chaos» werden aufgezählt, am Schluss – fast rührend – «Systeme».

Genau dieses apokalyptische Geschwätz, monieren die coolen Zeitgenossen, habe noch nie jemanden «zur Umkehr» verleitet. Aufgeregtes Geschrei von der Kanzel jagt den letzten Gläubigen aus der Kirche. Wie recht sie doch haben. Genau wie diejenigen, die den Lifestyle anderer kritisieren: Fliegen, Fleischverzehr und Autofahren? Da muss etwas geschehen!

Wer ist denn eigentlich dieses «WIR»?

Die unpersönliche Formulierung im Passiv verbirgt das Problem noch wirkungsvoller als seine scheinbar ungeschminkte Blossstellung: Ja, WIR müssen endlich etwas tun! Wir sind alle betroffen, wir sind alle in der Pflicht. Wir. Und es ist nicht mehr die Apokalypse-Predigt: Du musst umkehren, aber wir sind alle Sünder, und dann wird es nicht so schlimm werden.

Den Homo sapiens gibt es seit knapp 300'000 Jahren. Die weitaus längste Zeit seiner Geschichte – 299'925 Jahre vielleicht – bedeutete das Wörtchen «wir» die eigene Horde oder den eigenen Clan. Entgegen weitverbreiteter Annahmen bedeutete es existenziell-praktisch nie «Volk». Natürlich war die Ethnie immer wieder willkommen. Allerdings zur Abgrenzung : «Wir» gegenüber «den Andern».

Erste zaghafte Versuche ein planetarisches «Wir» zu installieren, gab es erst nach dem Ersten Weltkrieg. Sie sind erst mal krachend gescheitert. Am zweiten Anlauf nach 1945 werkeln wir immer noch. Die Frage nach dem «Wir», das «Menschheit» oder besser noch: «alle Menschen» bezeichnet, zeigt vor allem Eines: Hilflosigkeit. Wer weiss, wie man ein «Menschheitsproblem» angeht?

Unsere Technologie, unser Reichtum

Dies, obwohl die Lage eigentlich klar ist: «Wir haben dieses Problem verursacht – Wer? Ich? Ich doch nicht? –, also müssen wir es auch adressieren." Wer waren wir, als das Verbrennen fossiler Energieträger begann? Die Menschheit? Kaum. Begonnen hat es im England des 18. Jahrhunderts. 85 Prozent des CO2, das jetzt in der Atmosphäre ist, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg emittiert. Wir sind alle betroffen? Kaum. Indien wird rund doppelt so viel leiden wie das zweitplatzierte Land hinter ihm und rund 25 Prozent seiner Wirtschaftsleistung einbüssen.

Woher kommt die Hilflosigkeit?

Wahrscheinlich vor allem daher, dass wir in untauglichen Schablonen denken. Die Idee, dass sich Geschichte als Fortschritt ereignet. Weg damit. Denn das Gas ist bereits oben, die Temperatur wird steigen, die Folgen werden eintreffen. Migration: die Zahlen gehen von 200 Millionen bis zu einer Milliarde. Kein Markt wird es richten: Denn das Wirtschaftswachstum wird negativ – und zwar überall. Kein Kapitalismus ohne Wachstum.

«Denken wie ein Planet» – schlägt der Astrophysiker Adam Frank vor. Nicht «anthropozentrisch», das wäre ein Wir, das sich in Imponierpose auf die Brust schlägt –, sondern . . . Ja, wie? Das sei, sagt Wallace-Wells, «so weit vom modernen Leben – von der Denkweise eines neoliberalen Wesens in einem auf rücksichtslosen Wettbewerb ausgelegten System – entfernt, dass die Formulierung klingt, als stamme sie von einem Erstklässler.»

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