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KLEINER WEGWEISER: Heute keine Viper

Durchs «Herz des Simmentals» ist unser Autor gewandert und schwärmt von Meisterwerken der ­Zimmermannskunst.
Unterwegs im Färmeltal, flankiert von der 2476 Meter hohen Spillgerte. (Bild: Quelle: Bundesamt für Landestopografie. Karte: oas)

Unterwegs im Färmeltal, flankiert von der 2476 Meter hohen Spillgerte. (Bild: Quelle: Bundesamt für Landestopografie. Karte: oas)

Melchior Rudenz

Das Simmental ist nicht bloss das längste Tal der Alpen – es ist auch das grünste. So zumindest sagte begeistert der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy. Der Wirt des Gasthofs Alpenrose im Färmeltal wiederum meint, dieses sei das «Herz des Simmentals». Ergo wandern wir heute durch das Herz des längsten und grünsten Tals der Alpen. Doch wie auch immer die Superlative: Dieses Färmeltal ist auf jeden Fall eine Pracht, in seiner Schönheit ein kleines Wunder der Natur – und der Menschen, die dort ihre Häuser gebaut haben, deren Holzfassaden aussehen wie Gesichter.

Doch alles der Reihe nach. Wir starten unsere Wanderung im Weiler Grodey. Er liegt in der Gemeinde St. Stephan und an der Strasse, die Zweisimmen mit Lenk verbindet. Bergwärts gehts erst durch den Bifang, hernach dem Zälgbach-Graben entlang, an dessen Ende wir rechts abbiegen und über Rüti die Gfellweideni erreichen – exakt 600 Höhenmeter hinter uns. Über Wiesen und fast ebenaus marschieren wir weiter Richtung Dachboden. Wir sind nicht unglücklich, dass die hier weidenden Kühe sich etwas abseits des Pfades befinden – man weiss ja nie, bei all diesen Schauergeschichten, die man fast täglich in den Zeitungen liest. Es handelt sich natürlich um Simmentaler Fleckvieh – mit Herkunft, was die protestantischen Einheimischen wohl nicht gerne hören, aus dem katholischen Einsiedeln. Im dortigen Kloster züchtete man im Spätmittelalter Rotvieh. Über verwandtschaftliche Verknüpfungen von Adelsgeschlechtern, die sich damals auch mit Viehzucht beschäftigten, gelangte die Rasse ins Simmental.

Zu früh für ein Sonnenbad

Inzwischen sind wir auf dem Dachboden angelangt, einer Terrasse mit grossartigem Ausblick. Vor uns das halbmondartig verlaufende Färmeltal, links flankiert von den schroffen, steil aufragenden Gipfeln der Spillgerte-Gruppe; rechts das Albristhorn und noch etwas weiter zur Rechten die schneebedeckte Spitze des Wildstrubels. Auf einem Hangweg, an einzelnen von Wind und Wetter gezeichneten Tannen entlang, wandern wir über Schuttkegel und Lawinenzüge, stets die Spillgerte ob und das Färmeltal unter uns. Hier sähen wir Schlangen, wenn sie uns den Gefallen täten. Aber vielleicht ist es für sie noch zu früh am Morgen für ein wärmendes Sonnenbad. Aspisvipern sind es, hellgrau, braun, rostrot oder schwarz, gedrungen, mit kurzem, dünnem Schwanz und dreieckigem Kopf. Achtung, auch diese Viper ist giftig, kündet aber freundlicherweise mit einem Zischen an, wenn sie zum Angriff übergeht.

Der Weg steigt weiterhin an, wir passieren die Alp Am undere Bluttlig, biegen Am obere Bluttlig rechts rüber zur Färmelmeder, sind auf dem höchsten Punkt des heutigen Ausflugs angelangt, 2000 Meter über Meer, und verzehren genüsslich unseren Zmittag, die saftigen, frisch gemähten, mit Bergahorn besprenkelten Matten des langgezogenen Färmeltals zu unseren Füssen.

Der Wettergott kann ruppig sein

Recht steil und in Kehren gehts hernach runter zum Talboden und dann auf einem vor 20 Jahren angelegten Wanderweg dem Färmelbach entlang wieder talauswärts. Vor einigen Wochen muss es hier gewaltig gewittert haben, in den Biegungen des tobenden Flusses türmt sich mit Holz durchsetztes Geröll. Weiter unten wurde sogar eine ganze Strassenkurve weggerissen. An diesem sonnigen Spätsommertag sieht alles friedlich aus, doch wenn der Wettergott schlecht drauf ist, kann es in diesem schönen Tal offenbar ziemlich ruppig zu- und hergehen. Jedenfalls erinnert sich eine freundliche ältere Frau, mit der wir ins Gespräch kommen, noch gut an den Lawinenwinter von 1954. «Damals wurde das Haus meiner Grossmutter einfach weggefegt.»

Die Frau steht in ihrem Garten voller Blumenpracht, dahinter eines dieser Bauernhäuser, für die das Simmental und seine Seitentäler wie das Färmeltal berühmt sind. Mit ihren reichen Verzierungen sind sie Meisterwerke der Zimmermannskunst. Und beispielhaft, wie man in diesem Teil des Berner Oberlands eine Bauordnung durchgesetzt hat, die architektonische Scheusslichkeiten wie in den übrigen Berggebieten der Schweiz verunmöglicht.

In der «Alpenrose» bei Stalden kehren wir ein, verabschieden uns bei einem Gläschen Weissen vom Färmeltal, wandern noch ein knappes Stündchen durch Wald hinunter nach Matten und besteigen dort den Zug zurück nach Zweisimmen. Vor Blankenburg, rechts, auf einem Hügel, steht ein ehemaliges Berner Landvogtschloss. Im Mittelalter thronten dort die Herren von Weissenburg. Vielleicht waren sie es, die seinerzeit die Einsiedler Kühe hier angesiedelt haben – wie die Bauernhäuser und das behäbig-freundliche Volk Markenzeichen dieser liebenswerten Gegend.

Kleiner Wegweiser

  • Route Grodey bei St. Stephan–Bifang– Dachbode–Am obere Bluttlig–Färmelmeder–Am vordere Berg–Stalde–Matten
  • Wanderzeit 6½ Stunden
  • Essen/Trinken Gasthof Alpenrose (Stalde)

  • Verkehrsverbindungen Zug (Zweisimmen–St. Stephan, Matten–Zweisimmen)
  • Karte Wanderkarte Saanenland-Simmental-Frutigland, Kümmerly+Frey, 1:60 000

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