Klimawandel: CO2 nutzen und versenken

Kohlendioxid aus der Luft zu filtern ist zwar noch teuer, aber bereits möglich. Verwendet wird es auch zur Bierherstellung. Dem Klima hilft aber nur, wenn das Gas für immer unschädlich gemacht wird.

Andrea Söldi
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Das DAC-Modul in Hellisheidi, Island, der Firma Climeworks mit Gründer Christoph Gebald. Er pumpt das Kohlendioxid 700 Meter in die Tiefe. (Bild: Star Tambor)

Das DAC-Modul in Hellisheidi, Island, der Firma Climeworks mit Gründer Christoph Gebald. Er pumpt das Kohlendioxid 700 Meter in die Tiefe. (Bild: Star Tambor)

Dass unser Energiehunger zu einer Erwärmung des Klimas führt, wissen wir bereits seit einigen Jahrzehnten. Dennoch steigt der Ausstoss an Klimagasen stetig an. Forscher tüfteln deshalb an einem Ansatz, der das Problem von der anderen Seite her angeht: Könnte man die wichtigsten Klimagase wie Kohlendioxid, Methan und Lachgas aus der Atmosphäre filtern, wären unbeliebte Einschränkungen unseres gewohnten Lebensstils nicht notwendig.

Ganz utopisch ist dies nicht. Denn tatsächlich ist die Technologie bereits vorhanden. Im thurgauischen Sulgen zum Beispiel hat die Romanshorner Firma Asco vor drei Jahren eine Pilotanlage gebaut, welche Kohlendioxid (CO2) aus industriellen Abgasen extrahiert. Und zwar bei einer Firma, die unter anderem Milchpulver für Babys herstellt. Das Trocknen der Milch benötigt Wärme, die durch das Verbrennen von Erdgas gewonnen wird, was CO2 erzeugt. Der Standort für die CO2-Rückgewinnung ist somit besonders sinnvoll.

Kohlendioxid ist auch gefragt

Doch CO2 ist nicht nur schädlich, sondern mancherorts sehr gefragt: Das Gas wird zum Aufschäumen von Dämmmaterialien gebraucht, zum Konservieren von Lebensmitteln, kommt beim Schweissen zur Anwendung und regt das Wachstum von Pflanzen an. Und aus Kohlendioxid und Wasser entsteht Kohlensäure, die Mineralwasser und Bier zum Prickeln bringt.

Allerdings –wird die Bierdose geöffnet, entweicht das Kohlendioxid wieder in die Atmosphäre. Um das CO2 nachhaltig aus der Atmosphäre zu entfernen, müsste man es irgendwo aufbewahren, wo es für Jahrtausende nicht mehr entweichen kann. Infrage kommen etwa stillgelegte Erdöl- und Erdgasfelder sowie Kohleminen. In diesem Bereich ist unter anderem die Firma Climeworks aktiv.

Im Rahmen des EU-Forschungsprojekts CarbFix experimentiert das ETH-Spinoff in Island mit einer komplett neuen Methode: Das Kohlendioxid wird mit Wasser vermischt und in Basaltsteinhöhlen in 700 Meter Tiefe gepumpt. «Nach einer chemischen Reaktion setzt sich der Stoff als festes Mineral auf dem Gestein ab und bleibt über Jahrtausende stabil», erklärt Martin Jendrischik von Climeworks. So sollte es auch bei einem Erdbeben oder bei allfälligen Bohr-Aktivitäten unserer Nachkommen nicht mehr in die Atmosphäre gelangen können.

CO2 bringt Gemüse zum Gedeihen

Das 2009 gegründete Jungunternehmen hat eine Technologie entwickelt, mit dem es CO2 aus der Umgebungsluft filtern kann. Die Pilotanlage ist auf dem Dach der Kehrichtverbrennungsanlage Hinwil installiert und leitet das Gas in ein nahes Gewächshaus. Durch die höhere Konzentration an Kohlendioxid gedeiht das Gemüse schneller. Weiter verkauft die Firma das gewonnene CO2 wie ihre Mitbewerber an Getränkehersteller, Kunststoffproduzenten und an Unternehmen, die daraus wieder Treibstoff herstellen.

Der Vorteil der sogenannten Direct Air Capture Methode – also dem Absaugen aus der Umgebungsluft – sei die Unabhängigkeit vom Standort, erklärt Jendrischik. Zum Beispiel Mineralwasser-Abfüller sind oft in gebirgigen Gegenden angesiedelt, wo es keine industriellen Anlagen gibt, aus deren Abgasen der Stoff gewonnen werden kann. Zudem sei es das Ziel, industrielle Anlagen wie etwa fossile Kraftwerke, die grosse Mengen an Kohlendioxid ausstossen, in absehbarer Zeit abzuschalten.

Klimarettung wird teuer

Die Firma Climeworks hat grosse Pläne: Bis 2025 wollen die beiden Gründer Christoph Gebald und Jan Wurzbacher ein Prozent der weltweiten jährlichen CO2-Emissionen aus der Luft saugen. Dazu wären 250000 Anlagen in der Grössenordnung von jener in Hinwil nötig. Sie schafft etwa 900 Tonnen pro Jahr. Der Weg zum Ziel ist aber noch weit. Derzeit sind 14 Anlagen in Betrieb oder in Planung. Bisherige Abnehmer sind vorausdenkende Unternehmen sowie Forschungsprojekte. Doch auch emissionslastige Branchen wie etwa Fluglinien könnten künftig Interesse haben, ihren versprochenen Reduktionszielen auf diese Art näher zu kommen.

Ohne Energiesparen geht es nicht

Die Krux ist derzeit noch der Preis. Aktuell liegt er bei rund 600 Franken pro abgesaugte Tonne. Wirklich interessant wird das Geschäft aber erst bei einem Preis von etwa 100 Franken pro Tonne. Denn damit würde man sich der CO2-Steuer annähern, die voraussichtlich nötig ist, um das Klimaabkommen von Paris zu erfüllen und die Erderwärmung auf zwei Grad zu beschränken. In der Schweiz beträgt die CO2-Abgabe auf Brennstoffe seit Januar 96 Franken pro Tonne.

Natürlich sei die Innovation von Climeworks nur ein Ansatzpunkt bei der Rettung des Klimas, stellt Martin Jendrischik klar. «Das Herausfiltern von Klimagasen ist stets teurer, als sie von Vornherein zu vermeiden.» An der Umstellung auf erneuerbare Energien und dem Energiesparen werde kein Weg vorbeiführen.