Kolumne

«Auf ein Wort»: Wenn einer dumm ist, hat er nicht nichts, sondern ... im Kopf

Die Mundartkolumne von Niklaus Bigler diesmal zu einem Wort, das die Deutschen und die Schweizer kennen: Das Chuderwälsch, beziehungsweise Kauderwelsch.

Niklaus Bigler
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Unser Mundartexperte: Niklaus Bigler.

Unser Mundartexperte: Niklaus Bigler.

Bild: CH Media

Die Gewinnung der Fasern von Flachs oder Hanf war immer eine Prozedur aus vielen Arbeitsschritten. Nach dem Rösten und Brechen nahm man ein Fasernbündel und zog es mehrmals durch die Hächle. Zuletzt bestand dieses Bündel, die Riiste, nur noch aus feinen, langen Fasern. Zwischen den Zähnen der Hechel blieben die kurzen Fasern, der Chu(u)der.

Gebietsweise sagt man auch Baarte, Uspunne oder speziell beim Hanf (dem Hauf, Wärch) das Abwärch. Zum Chuder hat sich im Mittelland viel Sprachliches erhalten. Arme Leute konnten sich zum Spinnen keine Riiste leisten, sondern nur den Chuder; die Kürze der Fasern machte ihre Arbeit mühsam und wenig ertragreich, denn chuderigs oder bäärtigs Garn und Tuch waren minderwertig.

Chuder spinne wurde somit zur Redensart für eine sinnlose Beschäftigung, die mehr Zeit kostet, als sie an Gewinn einträgt. Wer Chuder im Chopf hat, gilt als dumm, und wer nicht reagiert, wenn man ihm etwas sagt, wird gefragt: Hesch Chuder i den Oore?

Das Verb chudere bedeutet konkret bei einem Gewebe ‹Fasern verlieren›. Vor allem aber kennt man chudere und chüderle in der Bedeutung ‹liebkosen, schmeicheln›, nicht selten ironisch-abweisend gemeint: Joo, du chasch mer chüderle!

An einzelnen Orten bezeichnet chudere auch das kindliche Lallen oder ein unverständliches, halblautes Murren. Es kommen da ganz verschiedene Bedeutungen zusammen, und niemand kann mit Sicherheit sagen, ob überhaupt ein sprachlicher Zusammenhang mit dem beim Hecheln entstandenen Chuder besteht. Auch beim Chuder in Chuderwälsch sind sich die Gelehrten keineswegs einig.

Niklaus Bigler war Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch (idiotikon.ch).