Kolumne
Im falschen Bild gelandet

Auf unseren Ferienfotos stehen massenweise fremde Leute im Hintergrund herum und werden so unsterblich. Das Internet holt sie aus der Anonymität.

Julia Stephan
Julia Stephan
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Sujet waren zwei Menschen, auf dem Foto landeten aber mehr als dreissig.

Sujet waren zwei Menschen, auf dem Foto landeten aber mehr als dreissig.

Keystone

Im Song «Lüt uf Fotene» besingt der Kabarettist und Liedermacher Ma­nuel Stahlberger all die Glace konsumierenden, ihre Gliedmassen in den Bildraum streckenden Unbekannten, die sich in unser privates Fotoarchiv verirrt haben. Die auf Schönwetterbildern aus den Ferien im Hintergrund mit den Fingern in der Nase bohren. Uns in der Intimität des Familienalbums schamlos ihre verbrannten Strandrücken und offenen Münder zeigen oder stark verwackelt das erhabene Bildmotiv durchkreuzen. «Mir am Match/Mir am Vesuv/Und sie sind eifach/Au no druf», resümiert Stahlberger das Phänomen, das jeder kennt, der noch so ein altmodisches Album bei sich herumliegen hat.

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Wenn etwas auf diese Unbekannten zutrifft, dann das: Sie sind das Gegenteil von «instagrammable». Ihre Verwertbarkeit im Social-Media-Bereich wäre beschränkt. Diese Unbekannten zeigen uns selten bis nie ihr vorteilhaftestes Gesicht, weil sie uns gar nie irgendein Gesicht zeigen wollten. Sie sind eine aussterbende Spezies, die von der Generation Handy gnadenlos weggefiltert werden würde. Ihre Anonymität ist in der Bilderflut der weltweit operierenden sozialen Netzwerke, wo der fremdeste Fremde dank Tag-Option irgendwann zum eigenen Freundeskreis dazu gehört, nicht mehr gewährleistet.

Wenn ich mich mit meiner dreijährigen Tochter durch so ein Album blättere, bringen mich diese Menschen regelmässig in Verlegenheit. «Mama, wer ist das?», will sie wissen. Manchmal erfinde ich dann Geschichten zu diesen Menschen, und sie erfindet dann zu diesen Menschen Namen. Sie heissen Gaga oder Esa, und manchmal auch wie ihre Freunde aus der Kita. Und während wir das tun, fällt mir auf, wie jung diese Menschen geblieben sind. Während meine Oma längst unter der Erde liegt, meinem Vater sich die Haare entfärbt haben, und auch ich nicht mehr die Frische einer zwanzigjährigen Istanbul-Touristin besitze, scheinen diese Menschen nie zu altern. Ohne äusseren Bildbezug bleiben sie in ihrer Zeitkapsel frisch und unantastbar. Und wahrscheinlich würde ihnen das sogar gefallen.

Vielleicht hat dieser Wunsch nach Unsterblichkeit auch den Schweizer Autor und Journalisten Michael Guggenheimer angetrieben. In seinem Blog «Filmeinwurf» beschreibt er, wie ihn der erwähnte Song von Manuel Stahlberger an eine irrwitzige Aktion in seiner Vergangenheit erinnert.

Vor vielen Jahren war er in der kroatischen Touristenstadt Opatija unterwegs gewesen. Aus der Kirche im Stadtzentrum seien im Akkord frisch verheiratete Paare herausgetreten, die vom Hochzeitsfotografen samt Entourage auf einer Treppe postiert worden waren. Da habe Guggenheimer die Lust gepackt, sich selbst unter die Freunde dieser Brautpaare einzureihen. Doch anders als meine Unbekannten wurde Guggenheimer nur wenige Tage später mit sich selbst konfrontiert. Beim Vorbeigehen am Fotoladen an der Strandpromenade entdeckte er sich in diesen fremden Leben wieder. Den Laden aber hat er nie betreten.

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