kolumne

Na, 2021, was hast du mit mir vor?

Silvester ist oft ein Reinfall, mit oder ohne Corona. Viel zu viele Erwartungen. Das neue Jahr hingegen ist immer wunderbar. Weil es ein neuer Anfang ist. Doch dieses Jahr ist alles vor allem: Ein grosses Fragezeichen.

Anna Miller
Drucken
Teilen

Silvester ist eine Hochrisikoveranstaltung, viel zu hohe Erwartungen, man feiert entweder mit den richtigen Leuten oder mit den falschen, oder, wenn’s ganz dumm kommt, allein. Von falschen Erwartungen verschont bleiben dieses Jahr wohl weniger Menschen als auch schon. Allein ist fast schon das neue Zusammen.

Auch sonst droht alles ziemlich öd zu werden, Rückzug ins traute Heim mit Würfelspielen, Raclette und einer Tischbombe ist das Wildeste, was die meisten von uns heute Abend erleben werden, coronabedingt leider vorbei die Zeiten von wilden Feten und Küssen unter dem Eiffelturm, nicht mal Pizza essen gehen liegt noch drin.

Diese Stille, die uns seit Monaten umgibt, lässt plötzlich Sehnsucht aufkommen nach der guten, alten, eigentlich auch schlechten Silvester-Zeit. Wie das immer passiert, wenn man die Vergangenheit Revue passieren lässt und automatisch denkt, es war doch früher alles besser. Plötzlich erscheint mir die Silvester-Reise nach Paris so wunderbar, obwohl wir an Mitternacht im Hotelzimmer blieben, weil meine Mutter Angst hatte, wir werden auf der Avenue des Champs-Élysées noch von Terroristen in die Luft gesprengt.

Ich sehne mich plötzlich danach, um das Zürcher Seebecken herumzustehen und mir die Finger abzufrieren und schlechten Prosecco aus Pappbechern zu trinken; denke wehmütig ans 5-Gänge-Dinner mit meinem Partner bei Kerzenlicht und Plastikherzen-Deko, unendlich lange Gespräche, und im Moment, wo der Kuss fallen sollte und sich alle zuprosteten, musste er mal kurz aufs Klo.

In einem normalen Jahr würden morgen Abend fast überall auf der Welt Feuerwerke gezündet. Im Coronajahr wird Silvester jedoch kaum wild.

In einem normalen Jahr würden morgen Abend fast überall auf der Welt Feuerwerke gezündet. Im Coronajahr wird Silvester jedoch kaum wild.

Keystone

Silvester ist mies, das neue Jahr aber: Herrlich unverbraucht

Ja, gut, ehrlicherweise war Silvester bisher immer irgendwie auch ein schlechter Abend, voller Erwartungen, voller Druck, manchmal dann doch erstaunlich fantastisch, in den meisten Fällen aber einfach mies. Das neue Jahr aber, das neue Jahr war immer gut. Denn was nach den anstrengenden paar Stunden kommt, die man irgendwie gross feiern muss, obwohl doch das ganze, unendlich anstrengende, viel zu lange Jahr auf den Schultern lastet, ist eben: Etwas ganz Neues.

Ein neues Jahr. 365 Tage, die unverbraucht vor einem liegen. Es ist ein bisschen wie neu geboren werden, klar, wir werden alle älter, die Wahrscheinlichkeit, dass unser Leben nochmals eine komplett neue Wendung nimmt, wir berühmt werden oder mit jedem Tag besser aussehen, hält sich in Grenzen.

Und doch, vielleicht gerade deshalb ist Silvester so kostbar. Diese Nacht, auf die der 1. Januar folgt, ist immer auch ein Versprechen auf eine neue Zeitrechnung. Der Zähler ist endlich mal wieder auf Null. Wir können vergessen, was wir alles falsch gemacht oder nicht erreicht haben, und können in einen neuen Himmel starren, wir starren in die Weite und erkennen da drüben, ganz fern im lauen Licht, was da noch alles sein könnte, mit uns und der Welt.

Wann kommen endlich die wilden Wochen im Sommer wieder?

Nun, Corona droht mir nun auch das zu nehmen. Denn diese mühsame, zähe Pandemie wird nicht verschwinden, nach dem 12. Glockenschlag am 31. Dezember. Was hält das neue Jahr für uns bereit? In anderen Jahren hätten wir Pläne geschmiedet, für Reisen in die Ferne, für neue Abenteuer, hätten uns eine neue Liebe ausgemalt oder wenigstens ein paar wilde Wochen im Sommer, wenn mal wieder Fussball-WM ist oder irgendwo ein Festival. Doch 2021 hält keine Verheissungen parat, es ist ein einziges, grosses Fragezeichen.

Aber nein, so ganz stimmt das ja gar nicht. Es kommt ja die Impfung. Es wird irgendwann wieder wärmer. Das Meer rauscht im Süden noch immer. Küssen kann man sich auch noch. Bücher lassen sich am Besten im Stillen schreiben. Den Vorsatz, mehr Sport zu machen, um ihn im Februar wieder zu streichen, kann ich mir trotzdem aufschreiben. Obwohl: Ich glaube, dieses Jahr verzichte ich auf meine guten Vorsätze. Es ist Zeit für das Leben im Moment. Ich werde mich nicht fragen, was ich vorhabe, mit dem neuen Jahr. Ich werde schauen, was es vorhat mit mir.