Kolumne

«Stadtwärts»: Corona und die Festtags-Beziehungslogistik

Die strengen Versammlungsregeln haben Weihnachten 2020 ganz schön kompliziert gemacht. Eine App könnte da Abhilfe schaffen – die traditionellen Festtags-Streitereien würde sie aber auch nicht verhindern.

Robert Knobel
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Robert Knobel

Bild: Dominik Wunderli

Tante Susanne ist noch immer eingeschnappt, weil sie nicht wie üblich am 24. eingeladen war, sondern erst am 26. Doch als Risikopatientin durfte sie eben nicht mit Cousin Felix zusammentreffen, der im Ausland lebt und schon am 25. wieder abreisen musste. Apropos 25.: Am Nachmittag kam unverhofft Nina zum Dessert vorbei, weil sie nicht wie üblich bei den Schwiegereltern ist, die aufgrund ihres Alters niemanden sehen wollen. Die diplomatischen Verstimmungen mit Onkel Hans, der als erster da war, ignoriert sie einfach.

«Tante Susanne» ist erfunden. Und dennoch gibt es sie - genau wie alle anderen, die dieser Tage anspruchsvollste Beziehungslogistik vollbringen mussten. Wurde in Schweizer Familien über Weihnachten jeweils Wert auf Vollzähligkeit gelegt, so galt diesmal «weniger ist mehr».

Abhilfe schaffen könnte eine App mit intelligentem Algorithmus: Man füttert sie einfach mit sämtlichen Verwandten, klickt bei «Risikogruppe» auf Ja oder Nein, gibt kulinarische Vorlieben sowie allfällige Unverträglichkeiten zwischen einzelnen Mitgliedern ein – und schon spuckt die App den perfekten Festtags-Fahrplan aus; risikolos und absolut harmonisch. Natürlich würde sie auch berücksichtigen, dass Onkel Klaus gewöhnlich ohne Geschenk erscheint und dies durch eine geeignete Ersatzperson kompensieren.

Erstaunlich, dass weder Silicon Valley noch Hochschule Luzern bisher eine solche App entwickelt haben. Wobei: Viele Familien haben ohnehin eine pragmatischere Lösung gefunden. Sie feierten wie üblich alle gemeinsam – aber coronakonform im Wald. Die Waldweihnacht war dieses Jahr offenbar derart beliebt, dass einige gerade deshalb zuhause blieben: Weil es im Wald zu viele Leute gab.

Apropos Dichtestress in der Natur: Auch die traditionellen Festtags-Streitereien scheinen sich vermehrt ins Freie zu verlagern. Zurzeit trifft man besonders häufig zankende Paare an, denen die frische Luft nicht zu bekommen scheint. Zum Beispiel Er: «Jetzt lauf doch mal schneller. Wir haben einen Schnitt von nur 3,5 km/h. Gestern hatten wir noch 8,2 km/h.» Sie: «Kein Wunder, wenn du immer stehen bleibst.» Gerne hätte ich noch weiter gelauscht, doch die Orientierungs-App der beiden weist sie freundlich darauf hin, «jetzt nach links» abzubiegen. Auch mit dem Erinnerungsfoto vor dem Nebelmeer will es bei einem weiteren Paar nicht recht klappen, weil Madame ständig aus dem Bild läuft («Ich darf doch wohl noch hinstehen, wo ich will».)

Einigkeit dürfte zumindest punkto Wunsch zum Jahreswechsel herrschen: Möge 2021 unser Leben wieder einfach machen – ob mit oder ohne App.