«Auf ein Wort»-Kolumne
Wieso Leinenpflicht-Plakate auch für Nicht-Hündeler interessant sind

Wer im Mittelland im Wald spaziert, trifft momentan mit grosser Wahrscheinlichkeit auf Plakate für Hundebesitzer. An diesen sieht man schön, wie Unterschiede im Schweizer Dialekt entstanden sind.

Niklaus Bigler
Niklaus Bigler
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Wer jetzt im Aargau zu Fuss unterwegs ist, stösst im Wald auf Plakate. Ich meine nicht die grossen roten Plakate des Bauernverbandes, sondern kleine grüne, mit dem Titel: «A de Leine isch er en Feine!» Man muss nämlich vom April bis Juli den Hund an der Leine führen.

Wer wie ich keinen Hund hat, kann von dem Text dennoch gefesselt sein: Sagt man im Aargau wirklich en Feine? – Ja, man kann, aber der Aargau ist, wie so oft, auch in dieser Frage nicht einheitlich. Im West­aargau hat das unbestimmte Pronomen am Schluss kein n (e Feine), aber im Nordosten des Kantons heisst es tatsächlich en Feine. Dieses n gehört den Mundarten der Nordostschweiz an, also vor allem dem Kanton Zürich und was noch weiter nördlich und östlich liegt.

Historisch sind die Verhältnisse einfach; es gab ursprünglich nur eine Form für alle drei Geschlechter, nämlich ein. Da nun im Alemannischen das auslautende n in der Regel geschwunden ist (ausser vor einem Vokal), müssten die Formen heute lauten: e Maa, e Frau, e Chind. Dieses Formenschema gibt es wirklich, aber nur in zwei kleineren Gebieten, nämlich dem Dreieck Basel–Laufen–Frick sowie zwischen Walenstadt und Chur.

In der nordöst­lichen Schweiz heisst es en Maa, e Frau, e Chind, während im Süden das Schema e Maa, e Frau, es Chind gilt. Im Kanton Aargau sind wegen der verschiedenen Regionen alle drei Möglichkeiten vertreten, dazu noch zwei weitere: en Maa, e Frau / en Frau, es Chind. Da hat die geografische Mittellage tatsächlich ganz neue Varianten, abgesehen von vielen Schwankungen, hervorgebracht. – Im Kanton Solothurn steht übrigens auf dem grünen Plakat: «A dr Leine isch är e Feine!»

Niklaus Bigler war Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch (idiotikon.ch).