Kolumne

«Auf ein Wort»: Vor 500 Jahren hätte man nicht von der Corona-Epidemie gesprochen, sondern von der Corona-...

Die Mundartkolumne von Niklaus Bigler diesmal zu einem Wort, das in früheren Zeiten die gleiche Angst verbreitete, wie heute das Wort Epidemie.

Niklaus Bigler
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Mundartexperte: Niklaus Bigler.

Mundartexperte: Niklaus Bigler. 

Bild: CH Media

Bedrohungen durch ansteckende schwere Krankheiten gab es immer wieder, wie Chroniken und andere Quellen berichten. Geändert hat sich im Laufe der Zeit die Benennung dieser Gefahren.

Das Fremdwort Epidemie ist im Deutschen erst spät aufgekommen, aber auch Süüch, Seuche ist kein altes schweizerdeutsches Wort. Wo Luther in der Bibelübersetzung um 1550 «Seuche» schreibt, heisst es in Zürich «Sucht».

Beide Wörter sind miteinander verwandt, denn hinter beiden steckt entfernt das Adjektiv siech (krank, englisch sick). Dass Sucht ursprünglich ‹Krankheit› bedeutete, zeigen noch die Bildungen Gäälsucht, Schwindsucht und Gsüchti (Rheumatismus).

Ein weiteres Synonym für Seuche ist der Bräste, Breste (althochdeutsch brësto). Der Berner Rat verfügte im Jahre 1564, dass diejenigen, welche «den presten tragend», ihr Haus erst wieder verlassen dürften, wenn sie geheilt seien. Auch das Vieh oder die Kartoffeln konnten von einem Bräste befallen werden.

Ein Bräste ist zudem ein Fehler allgemeiner Art, etwa ein Astloch in einem Brett oder ein Schorffleck auf einem Apfel. Das Verb bräste (mangeln) ist in der deutschen Schweiz gut bezeugt, zuletzt besonders im Berner Oberland und bei den Bündner Walsern.

Es bristet mer im Bei, sagte man in Grindelwald, wenn einem das Bein weh tat. Er hed noch ettes la bräste, ist noch etwas schuldig geblieben (Valzeina im Prättigau). Weit herum, vom Elsass bis nach Ostösterreich, kennt man noch die Ableitung brästhaft, bresthaft (mangelhaft, gebrechlich). Alte Menschen können bresthaft sein, aber auch abgenützte Gebrauchsgegenstände.

Niklaus Bigler war Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch (idiotikon.ch).

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