Kolumne

Ausfälle aller Arten

Einblicke

Anemi Wick
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Es ist, als würde die Erde aufhören sich zu drehen: Auf einen Schlag gehen alle Lichter aus, mit einem Seufzen stoppen die Ventilatoren und Klimaanlagen, für einen Moment wird es ganz still. Abendlicher hitzebedingter Stromausfall in meinem Hanoier Quartier.

Anemie Wick

Anemie Wick

Im Sommer gibt es hier in Vietnams Hauptstadt praktisch nur Extreme – das Attribut «schön» lässt sich auf kaum eine Wetterlage anwenden.

Scheint die Sonne, dann ist es so heiss, dass es sich auf dem Motorroller anfühlt, als würde man den Kopf in einen Backofen stecken. Die Fahrer halten bei Rot nicht mehr vor der Ampel, sondern fahren entweder einfach weiter, oder stoppen unter dem nächsten Baum oder Dach im Schatten.

Und wenn es regnet, dann giesst es wie aus Kübeln, und das manchmal horizontal und mit dramatischem Donnern und Geblitze. Die Fahrer halten bei Rot nicht mehr vor der Ampel, sondern fahren entweder einfach weiter, oder stoppen unter dem nächsten Baum oder Dach im Halbtrockenen.

Strassen werden überschwemmt, Flipflops gehen im trüben Wasser verloren, und man möchte zu Hause bleiben und nach Arche-Noah-Bauanleitungen googeln.

Bis dann eben der Strom ausfällt. Klar, ich könnte im Dunkeln vor dem Laptop sitzen bleiben und mit Batteriestrom weiterarbeiten. Aber ohne Ventilator klebt man innerhalb von wenigen Minuten im eigenen Schweiss auf dem Stuhl. Ich lege mich aufs Bett, rühre mich nicht mehr von der Stelle, starre vor mich hin, warte und sinniere.

Mir kommen hundert Dinge in den Sinn, die ich jetzt machen würde, wäre nicht dummerweise der Strom ausgefallen. Ich wäre gerade unglaublich effizient, würde Texte pünktlich abliefern, sämtliche E-Mails beantworten, Banküberweisungen tätigen, ausserdem bahnbrechende Karriereschritte meistern, die Fingernägel schneiden, mein komplettes Leben in Ordnung bringen und die Welt retten.

Ja, genau genommen kommen mir immer Stromausfälle, Hitzewellen oder tropische Regenstürme dazwischen, wenn ich Grosses vorhabe.

Und zack ist der Strom wieder da, das Licht geht an, der Ventilator zwirbelt. So, nach der ganzen Aufregung muss ich erst mal was essen. Und die neuen Likes auf Facebook zählen.