Beim Namen nennen

Chefsache

Jérôme Martinu, Chefredaktor
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Jérôme Martinu

Jérôme Martinu

«Willkommenskultur.» Was wurde nicht schon alles geschrieben, diskutiert und gestritten über diesen Begriff, den die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel prägte. Verfolgte, geschwächte, gefährdete, bitterste Not leidende Frauen, Männer und Kinder aus aller Herren Ländern willkommen zu heissen, das hat in unserem Land Tradition. Die Schweiz leistet zuverlässig humanitäre Hilfe. Es ist zweifellos richtig, wenn wir schutzbedürftige Menschen im Rahmen unserer Möglichkeiten grosszügig unterstützen. Und wenn betont wird, dass die grosse Mehrheit der Flüchtlinge nichts mit dem bösartig kreierten Bild vom arbeitsscheuen, unerhörte Ansprüche stellenden oder kriminellen Ausländer zu tun hat.

Hier nun aber einfach mit dem Weichzeichner zu hantieren, das wäre zu einfach. Unterbringung und Umgang mit den vielen Asylsuchenden bringen die Kantone in Schwierigkeiten. Da ist etwa die nach wie vor ungenügende Arbeitsinte­gration, die unsere Sozialwerke zunehmend vor Probleme stellen wird. Und da gibt es auch die renitenten Flüchtlinge. Schlägereien, sexuelle Belästigungen, Alkohol- und Drogenmissbrauch in Asylzentren, ja, auch das sind Tatsachen. Für diese pöbelnde Minderheit schafft der Bund nun eine Unterkunft in Les Verrières im Jura (Ausgabe vom Freitag) – und tut sich sichtlich schwer damit, den Ort so zu benennen, wie es nötig wäre: Renitentenzentrum. Stattdessen ist konsequent die Rede von «besonderen» Zentren. Die Probleme werden bestimmt nicht kleiner, wenn wir sie nicht beim Namen nennen – im Gegenteil! Wo das hinführt, wenn Debatten nicht ausgetragen und Meinungen nicht ernst genommen werden, das sehen wir eindrücklich im Erstarken der AfD in Deutschland. Also: Sagen, was ist, ohne übertriebene politische Korrektheit.

Jérôme Martinu, Chefredaktor