Beziehungs-Kolumne: Liebe beginnt am Frühstückstisch

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Von Brötchen und Rebellionen.

Maria Brehmer
Drucken
Teilen
«Ich erzähle Ihnen eine kleine Anekdote. Sie kam mir in den Sinn, als ich Reaktionen auf meine Kolumnen las.»

«Ich erzähle Ihnen eine kleine Anekdote. Sie kam mir in den Sinn, als ich Reaktionen auf meine Kolumnen las.»

Sandra Ardizzone

«Soll er doch machen, was er will», «Irgendetwas zum Nerven findet man immer» oder «Hat die wirklich keine anderen Probleme?» kommentierten Leserinnen und Leser den Text. In einer meiner letzten Kolumnen schrieb ich über den kleinen, aber schwelenden Konflikt zwischen meinem Freund und mir. Er manifestiert sich in Form des regelmässig am Frühstückstisch auftauchenden Handys meines Liebsten. Wie gern ich diesen Konflikt jeden Morgen austragen, weiser entschieden jedoch gerne einfach ignorieren würde. Das Kolumnenthema jedenfalls schien zu bewegen.

Fünfzig Jahre das Falsche gegessen

Nun, ich möchte mich hier weder für meine öffentliche Anschuldigung gegen meinen Freund rechtfertigen noch mich entschuldigen (wir klärten die Sache natürlich bereits: Erst rechtfertigte ich mich, dann entschuldigte ich mich bei ihm). Vielmehr möchte diese paar Zeilen nutzen, um Ihnen eine weitere kleine Frühstücksanekdote zu erzählen. Sie kam mir in den Sinn, als ich oben erwähnte Leserreaktionen las.

Ein Ehepaar feiert goldene Hochzeit. Beim gemeinsamen Frühstück am Tag des Jubiläums dachte sich die Frau: «Seit fünfzig Jahren habe ich immer auf meinen Mann Rücksicht genommen und ihm das knusprige Oberteil des Brötchens gegeben. Heute will ich mir endlich einmal selbst diese Delikatesse gönnen.» Sie strich sich Butter und Konfitüre auf das Oberteil des Brötchens und biss genüsslich hinein. Das untere Teil reichte sie ihrem Mann. Entgegen ihrer Erwartung war er hocherfreut. Er küsst ihre Hand und sagt: «Mein Liebling, du bereitest mir die grösste Freude des Tages. Über fünfzig Jahre habe ich das Brötchenunterteil nicht mehr gegessen, obschon ich es vom Brötchen am allerliebsten mag. Ich dachte immer, du sollst es haben, weil es dir so gut schmeckt.»

«Jetzt bin ich dran!»

Zugegeben, der Verzicht auf das bevorzugte Stück eines Nahrungsmittels ist zu verkraften. Die Anekdote verweist aber auf viel grössere Beziehungsthemen. Das Miteinander- Reden zum Beispiel: Hätten die beiden auch nur ein einziges Mal über ihre Vorlieben in Sachen Frühstücksspeisen gesprochen, hätten sie sich einiges an Unmut sparen können über die Jahrzehnte. Oder die ­Rebellion, die nicht selten eine Folge von fehlenden Gesprächen ist: «Jetzt bin ich dran!», denkt sich die Frau und macht ihrer Unzufriedenheit ­endlich Luft.

Und es geht auch um Liebe: In der Überzeugung, dass er seiner Frau eine Freude bereitet, stellte der Mann seine eigenen ­Bedürfnisse offenbar immer hinten an.

Ich bin mir sicher: Die nötige Portion Liebe und der Wille zum Gespräch tragen viel bei zum Gelingen einer Beziehung. Ob ich in fünfzig Jahren noch so denke, wird sich zeigen. Bis dahin rede ich mit meinem Freund noch regelmässiger. Über sein Handy zum Beispiel. Oder die Liebe.