Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Kolumne

Der Angst ins Auge schauen

Einblicke – SRF-Moderatorin Sabina Dahinden über das Überwinden von Ängsten und den Umgang mit Niederlagen.
Sabine Dahinden
Sabine Dahinden. (Bild SRF)

Sabine Dahinden. (Bild SRF)

Als meine Beine kurz waren und die Ski lang, fürchtete ich mich vor dem Kreuzhang auf den Urner Eggbergen. Dort stieg der Skilift steil an, es quetschte einem auf der Fahrt die Bauchmuskeln zusammen. Nicht selten fiel ich dort vom Lift, gab aber sofort meinem kleinen Bruder die Schuld: «Dü hesch wider d Schiischuä iberä- trickt! Oni dich wär ich ämel sicher nit umghit!» Heute, Jahrzehnte später, kommt mir der Kreuzhang vor wie ein Hügel. Er hat seinen Schrecken von damals verloren.

Mit der Furcht vor dem Kreuzhang ist es wohl wie mit der legendären Angst des Trompeters vor dem ersten Ton. Das erzähle ich, weil meine Freundin Annegret und ich am Samstag in einem Konzert waren, und da hat der Solotrompeter ausgerechnet seine ersten Töne nicht erwischt. Annegret fühlte sich im Konzertsaal sofort als Expertin: «Hesch gheert! Der isch doch vill z nervees, das isch ja furchtbar, ä so eppis!» Im Lauf von Annegrets Tirade stieg mein Mitgefühl für den Trompeter.

Ist es nicht eine Anmassung des Publikums, von Akteuren stets Perfektion zu verlangen? Bestimmt hatte der Trompeter seinen Auftakt tausendmal geübt, hatte davon einige Male schlecht geträumt, hatte jahrelang teure Musikstunden bezahlt und war jetzt halt einmal – ein einziges Mal – vor den Ohren des kritischen Publikums gescheitert. «Hättest du denn lieber einen Roboter vor dir gehabt?», fragte ich Annegret. «So ein Musikroboter macht nie den kleinsten Fehler.» Annegret will davon zwar nichts wissen, beharrt aber darauf, dass sie fürs Billett viel Geld bezahlt habe und deshalb Anspruch darauf habe, auf der Bühne Höchstleistungen zu sehen.

Ich wollte sehen, ob der Trompeter seine Angst bezwungen hatte wie ich seinerzeit den Kreuzhang. Darum ging ich tags darauf ein zweites Mal ins Konzert. Doch ich wurde enttäuscht. Nicht weil der Solist wieder denselben Fehler machte, sondern weil er gar nicht mehr da war. Er hatte sich ersetzen lassen. «Stell dir das vor, Annegret, er hat den Part einem anderen Musiker überlassen! Vor lauter Angst! Das passiert nur wegen Leuten wie dir, die immer etwas zu mäkeln haben.» Annegret lässt mit einer Antwort nie lange auf sich warten. Sie kontert: «Und du? Hast du am Kreuzhang seinerzeit etwa deine Niederlage zugegeben? Nein, du hast sie einem anderen in die Skischuhe geschoben!» Diesmal habe ich trotzdem das letzte Wort: «Äch, rutsch mer doch dr Puggel ab!»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.