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Kolumne

Die verschenkte Nation

Publizist Gottlieb F. Höpli über das Verhältnis von Nationalisten und der EU.
Gottlieb F. Höpli

Noch nie seitdem es die EU gibt, sind sich in Europas Ländern «Nationalisten» und «Europäer» so fremd, ja feindselig gegenübergestanden. In Ungarn, Polen, in Österreich, Italien, auch in der Schweiz. Womöglich aber auch in (noch) stramm EU-freundlichen Staaten wie in Deutschland. Visionen wie das «Europa der Vaterländer» de Gaulles gehören der Geschichte an, falls sie nicht überhaupt schon vergessen sind.

Heute gilt: je stärker die Fraktion der «Nationalisten», die «mein Land zuerst» rufen, desto schwächer jene der «Europäer», die mehr Macht, mehr Kompetenzen für die EU fordern. Denn dass «Europa» und die EU dasselbe meinen, gilt für sie als ausgemacht. Das ist schon einmal eine dramatische Verkürzung, die sich für die visionsarme Brüsseler Administration als lebensgefährlich erweisen könnte.

Hie Europa! Hie der Nationalstaat! Und dazwischen kein Verständnis, kein gemeinsamer politischer Wille. Wie ist es nur dazu gekommen? Dem angesehenen Historiker und Editorialisten Ernesto Galli della Loggia ist angesichts dieser auch in Italien zunehmend feind­lichen Gegenüberstellung der Kragen geplatzt. In einem Essay «Warum die Nation noch einen Sinn hat» («Corriere della Sera», 20. Juli) rechnet er aber nicht einfach mit den zurzeit regierenden Nationalisten vom Schlage des Lega-Innenministers Matteo Salvini ab, sondern mit all jenen, die das Wort, den Begriff der Nation leichtfertig aus der Hand gegeben haben, bis er anscheinend nur noch zur Karikatur taugte – und zum Kampfinstrument nationalistischer Politiker, die damit bei ihren Wählern höchst erfolgreich punkteten. So wird nicht nur ein Begriff verschenkt, sondern mit ihm alle Werte, die er eigentlich in sich trägt. Und die anscheinend nicht mehr interessieren.

Das konnte aber nur geschehen, weil die kulturelle Elite des Landes ihrerseits ein Zerrbild der Nation entwickelt hatte, schreibt Galli della Loggia. Nation, das war für sie nur noch der Ursprung aller Konflikte und Kriege des 19. Jahrhunderts, die auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs kulminierten. Je schneller die Nationen überwunden werden, desto friedlicher würde die Welt, lautet die simple Schlussfolgerung. Wie wenn es vor dem 19. Jahrhundert, als es keine Nationen im heutigen Sinn gab, keine Kriege gegeben hätte.

Da ist es unverdächtiger, sich als kultureller Universalist aufzuspielen, der für eine Welt ohne Nationen und Grenzen, dafür für eine europäische oder gar eine Weltregierung schwärmt: «Alle Menschen werden Brüder!» (Und Schwestern, versteht sich.) Dann verschwinden die Unterschiede von selbst. So unkritisch man solchen wolkigen Ideen anhängen kann, so kritisch darf man jetzt dafür auf das Feindbild des rückwärtsgewandten Nationalisten einprügeln.

Dass mit dem «nation building» des 19. Jahrhunderts der Fortschritt in Europa einzog, mit allgemeinem Wahlrecht, mit der Schulpflicht, mit moderner liberaler Gesetzgebung – das wollen die Nationalismus-Kritiker gar nicht wissen. Obwohl sie zum Teil auf einflussreichen Lehrstühlen, Kathedern und an Redaktionspulten sitzen. Die es nicht gäbe, wenn es die Nationen nicht gäbe, die sie schlechtmachen.

Um der Bedeutung der Nation gerecht zu werden, muss man selber nicht glühender Nationalist sein. Man müsste ihr nur wenigstens historische Gerechtigkeit angedeihen lassen. Und die Weiterentwicklung der Staatenwelt nicht gegen, sondern mit der Nation betreiben, in der immer noch eine Mehrheit der Menschen Europas ihre Heimat sehen. Wer politische Konzepte gegen die Menschen umsetzen will, wird früher oder später Druck, ja Gewalt anwenden müssen. Wie das anfing, und wo es endete, kann man an der Geschichte des Kommunismus ablesen.

Autor Gottlieb F. Höpli

Autor Gottlieb F. Höpli

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