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Kolumne

«Diese blöden, dreckigen Fussballer!»

Thomas Bornhauser

Was für öde Fragen! Das mag sich manch einer gedacht haben, als wir uns am Sonntag in ausgebauter Privatrunde in Zürich apéromässig warm­liefen fürs WM-Spiel Schweiz gegen Brasilien. «Warum ärgern sich die Leute eigentlich über hohe Managersaläre, aber nicht über gewisse Löhne von Fussball­profis», wollte der fragenstellende pensionierte Kadermann zum Beispiel wissen. Und als es dann vor dem Bildschirm endlich losging, hagelte es aus derselben Quelle technische Fragen vom Niveau «Warum gibt es jetzt einen Corner?».

Auf dem Heimweg hakte mein älterer Sohn dann nach, wie man denn so banale technische Fragen absondern könne. – In der Tat: Wer heute um die 30 ist, kann sich die gesellschaftlichen Realitäten kaum vorstellen, als dieser Pensionierte noch ein junger Mann war. Und das übrigens nicht nur in der kleinen Fussballschweiz, sondern auch in Fussballhochburgen. Der Fussballer Paul Breitner (Weltmeister mit Deutschland 1974) zum Beispiel hat das Image seiner Zunft in seinem Land in jenen Jahren mit den Worten «diese blöden, dreckigen Fussballer» umschrieben. Gleichzeitig war es auch eine Zeit des radikalen Umbruchs. Derselbe Breitner war es, der dem deutschen Fussball­verband damals einheizte. Für jeden Spieler seiner Mannschaft forderte er ultimativ 70000 DM Siegerprämie. Schliesslich knickte der Verband ein, derweil die Kicker im Final gegen die Niederlande tatsächlich siegten und kassierten.

Bei uns in der Schweiz ging es auch mit dieser Emanzipation weniger schnell und weniger spektakulär voran. Noch in den 70er-Jahren war Fussball auch bei uns keine naheliegende Freizeitbeschäftigung für Bürgersöhne. Leistung im Gymnasium war zwar durchaus gefragt, im Fussball aber nicht wirklich imagefördernd. Bis der durchs Fernsehen befeuerte und durch die Werbung getragene Siegeszug der Sportart Schritt für Schritt auch die Schweiz erfasste. Erste Schweizer Fussballer wie Kudi Müller oder Andy Egli schafften so den Sprung als Profis in die deutsche ­Bundesliga.

Die gesellschaftliche Emanzipation aber dauerte deutlich länger. Ich erinnere mich an Debatten, die ich als Chefredaktor mit Verwaltungsräten noch in den Nullerjahren zu führen hatte zur Frage, ob der Fussball in der Zeitung nicht überbewertet werde. Und heute, kaum 15 Jahre später? Der gross bebilderte Frontaufhänger der «NZZ am Sonntag» vom 17. Juni lautete: «Ist Brasilien so viel besser?» Auch der für Analysen und Kommentare reservierte «Hintergrund»-Bund der Zeitung war diesem Thema gewidmet. Und der Frontaufhänger der NZZ vom Montag bediente sogar Emotionen mit der Titelzeile «Dem Riesen Brasilien getrotzt».

Auch die etablierte Medienszene Schweiz reflektiert mittlerweile dieses Stück Lebensrealität. Der polnische Stürmerstar Robert Lewandowski hat die Dramatik dieser internationalen Entwicklung in einem bemerkenswerten Interview mit dem «Spiegel» treffend auf den Punkt gebracht mit der Feststellung: «Fussball ist Kapitalismus pur.» Jeder wolle in dieser Branche Geld verdienen. Und weiter: «Das ist eigentlich nichts Verwerfliches, so funktioniert unsere gesamte westliche Gesellschaft.»

Also alles nur Geschäft? Nein. Selbst der moderne Fussball lebt in seinem Kern nicht nur vom Kalkül des Geschäfts. Magisch ist vielmehr die Unberechenbarkeit im menschlichen Zusammenspiel. Im spielenden Menschen steckt der potenzielle Absturz ebenso wie der potenzielle Exploit. Nicht umsonst sieht sich im Fussball kulturen­übergreifend der menschliche Spieltrieb optimal bedient.

Was aber ist mit den eingangs angesprochenen Lohnauswüchsen? Die Frage ist berechtigt. Der Fussballfan aber lenkt lieber mit dem Hinweis auf die vielen anderen Auswüchse des modernen Lebens ab. Und mit gutem Recht verweist er auf die Chance Fussball für die Armen dieser Erde. Denn Fussball ist heute wie damals nicht der Sport der Arrivierten. Viel eher ist er im Weltmassstab die vielleicht letzte Chance auf Tellerwäscherkarrieren. Auch bei uns in der Schweiz, wo heute viele Spieler der Nati balkanstämmig sind. Viele von ihnen kamen aus dem Nichts. Dank dem Fussball haben sie’s geschafft. Und dank dem Fussball tragen ihre vielen kleinen Bewunderer die Hoffnung auf eine bessere Zukunft weiter.

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