Kolumne

Feldpost: Ein offener Fisch bedeutet Tenue NEF und Leiden bis zum Lilö

Rekrutin Chiara Zgraggen darüber, wie sie während der Rekrutenschule die armeeeigene Sprache erlernt.

Chiara Zgraggen
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Rekrutin und Journalistin Chiara Zgraggen (21).

Rekrutin und Journalistin Chiara Zgraggen (21).

In der Armee wird bekanntermassen eine andere Sprache verwendet. Nicht nur Abkürzungen, sondern auch aussergewöhnliche Ausdrücke benützen Angehörige der Armee tagtäglich. Anhand eines exemplarischen Tages­ablaufes möchte ich Ihnen diese näherbringen.

Es ist kurz nach der Tagwache um 5.30 Uhr. Anhand des stürmischen Wetters bin ich sicher, dass es heute ein kalter Tag wird in Airolo. Also nehme ich mein Mutterschiff (grosser Rollkoffer, wird häufig auch anders abgekürzt) hervor, um warme Kleidung herauszunehmen. Ich suche meinen TAZ (Tarnanzug) und ein Gnägi (Rollkragenpullover). Dann beeile ich mich, schliesslich hat eine Verspätung zum Morgen­essen Folgen für den gesamten Zug – zum Beispiel keinerlei Raucherpausen während des ganzen Tages.

Nach dem Morgenessen begebe ich mich zum AV-Platz, auf welchem sich die Kompanie wie jeden Morgen zugweise für das AV (Kurzform für Antrittsverlesen, bei welchem Informationen für den Tag weitergegeben werden und überprüft wird, ob alle anwesend sind) bereithält. Bevor das AV jedoch beginnen kann, stehe ich mit meinen Kameraden im Daher (Halbkreis um den Gruppenführer oder Zugführer respektive Leutnant, auch oft als Löfti bezeichnet). Mich fröstelt es vom kalten Wind, also stecke ich meine beiden Hände in die Hosentaschen. «Eine Hand ist zulässig, zwei Hände sind zu lässig», ermahnt mich der Gruppenführer, also lasse ich eine Hand wieder aus der Hosentasche gleiten.

Auch die Rekrutin hebt das Kinn zur Rasurkontrolle

Während des AV befiehlt der Feldi (Hauptfeldweibel; höherer Unteroffizier) eine Sackbefehlkontrolle – wir müssen den Grabstein (Erkennungsmarke mit Name und AHV-Nummer), die Lüga (Leuchtgamasche) sowie eine perfekte Rasur vorzeigen. Warum beinahe jeden Morgen etwas kontrolliert wird? Ist so, weil ist so. Heute habe ich gute Laune und hebe wie meine Kameraden das Kinn zur Rasurkontrolle – so hat auch der kontrollierende Gruppenführer Grund zum Lachen. Dieses vergeht ihm jedoch, da der Kamerad zu meiner Rechten seine Lüga nicht mehr finden kann. Die Devise für ihn: SBG SKA (Suchen bis gefunden, sonst kein Ausgang).

Heute steht ABC-Ausbildung auf dem Programm. Das bedeutet, dass wir noch unser Kampf komplett (Kampfrucksack mit der Grundtrageeinheit und Pistole) aus der Kaserne holen müssen. Also eilen wir vorbei am Kebap-Chef (Kamerad auf der Wache, trägt eine Binde mit der Aufschrift «KC»), um dann in einer Zwoko (Zweierkolonne) abmarschbereit zu sein. Übrigens: In der Armee wird die Zahl zwei immer abgekürzt mit «zwo», damit keine Verwechslung mit dem Wort «nein» stattfinden kann.

Während wir in der Zwoko warten, blicken wir zu einigen Russen (welsche Angehörige der Armee), welche gerade mit dem Zwipf (Zwischenverpflegung mit Snacks und einem Bidon mit Wasser oder Tee) aus der Kaserne treten. Bevor wir uns zum Ausbildungsplatz begeben, ermahnt uns noch die Gruppenführerin, dass beim Verschieben (Laufen von A nach B) Ruhe sei. Sonst kann es passieren, dass wir nochmals zurück zum alten Standort müssen – natürlich BWS («beid Weg seckle»). Am Ausbildungsplatz angelangt, merke ich, dass mein Tenue total NEF (nicht erfüllt, also nicht korrekt) ist. Denn: Mein Fisch (Reissverschluss auf der rechten Seite des Oberteils) ist offen. Schnell behebe ich den Fehler.

U-Booten heisst: Abtauchen und sich vor der Arbeit drücken

Als Fisch wird indes auch die Regenpelerine bezeichnet. Diese müssen wir heute jedoch glücklicherweise nicht tragen. Weshalb glücklicherweise, fragen Sie sich nun womöglich. Nun, in der Schweizer Armee ist es meist so, dass die Ausrüstung zu gross ausfällt – besonders für einen schmalen weiblichen Körper. Dies ist auch beim Fisch der Fall, was unangenehm ist zum Sich-Bewegen. Nachdem wir einige Male BG4 (Bereitschaftsgrad vier; Schutzanzug bestehend aus Schutzmaske, Hosen, Jacke, Überstiefeln und Handschuhen vor atomaren, biologischen und chemischen Waffen) erstellt haben, ist es Zeit für eine Pause. Sie fällt nicht gerade lange aus, weshalb es nur für eine Kampfzigi 90 (Zigarette, die in 90 Sekunden geraucht wird) reicht.

Alsbald ist es Zeit für das Mittagessen. Da die heutige Ausbildung auf dem Kasernenareal stattfindet, essen wir in der Kaserne. Auch wenn das Essen von unseren Köchen sehr gut ist, empfinde ich dies heute als schade, denn ich hätte Lust auf einen Chili-Johnny (Chili con Carne, welcher in der Dose auf dem Notkocher aufgewärmt wird).

So vergeht der Tag, ohne dass es Grund gäbe zum U-Booten (sich verstecken, um nicht arbeiten zu müssen) oder zum VBA (versucht, beschäftigt auszusehen). Auch bleiben wir verschont von einem Häsibe (Hält sich bereit). Aber wie jeder Tag wird auch dieser abgeschlossen mit der PD (Parkdienst; putzen der Kampfstiefel) und ID (innerer Dienst; Körperpflege).Und schon heisst es für uns Lilö (Lichterlöschen).

Nicht alle Begriffe bilden indes inoffizielle Wörter der Schweizer Armee. So zum Beispiel die Kampfzigi 90 oder der Fisch. Die Abkürzung VBA wird notabene als Abkürzung für die Verbandsausbildung, also die letzte Phase während der Rekrutenschule verwendet. Oder auch stellen Zahlen bei Armeematerial immer die Jahreszahl der Einführung der Ausrüstung dar. Nebenbei bemerkt sind wir kürzlich zu Soldaten befördert worden. In dem Sinne: Soldat Zgraggen meldet sich ab!