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Kolumne

Einmal Landtölpel, immer Landtölpel

Die Klima- und Umweltdiskussion zeigt: Grossstädter glauben, dass ihre Probleme die Probleme des ganzen Landes seien.
Martin A. Senn
Martin A. Senn

Martin A. Senn

Die Schweizer Grossstädte werden von einer über 70 Prozent starken rot-grünen Mehrheit regiert. SP, Grüne und drei linke Splitterparteien teilen sich 28 der insgesamt 40 Regierungssitze in Zürich, Genf, Basel, Bern, Lausanne und Winterthur, also in den sechs Städten mit über 100000 Einwohnern. Den bürgerlichen Parteien bleiben, sofern man die Grünliberalen mitzählt, die restlichen zwölf Mandate. Als Demokrat müsste man bei derart erdrückenden Mehrheitsverhältnissen wahrlich rot-grün anlaufen. Doch heikel ist an dieser politischen Monokultur weniger, dass es sie gibt (wenn die Wähler es wollen, dann sei’s so), sondern was für eine Anmassung gegenüber dem Rest des Landes damit verbunden ist.

Grossstädter glauben nämlich, dass ihre Probleme die Probleme des ganzen Landes seien. «Was die Städte betrifft, das betrifft das ganze Land», schreibt die Direktorin des Städteverbands in einem Sammelband der Bundeskanzlei über die «Schweiz 2030». Und: «Die brennendsten Themen unserer Zeit sind Städte­themen.» Deshalb, lobt sie, hätten die urbanen Gebiete der Energiestrategie 2050 auch am deutlichsten zugestimmt.

Städte sind Energiefresser

Kein Wunder. Städte sind Energiefresser und Umweltmonster. 75 Prozent des Energieverbrauchs geht weltweit auf ihr Konto. Städte leben und lebten immer schon von den natürlichen Ressourcen ihres Umlands. Riesige Waldflächen liessen sie für ihre Häuser und ihre Heizungen roden, Grundwasserpegel senken, Kiesgruben graben, Abfalldeponien ausheben und Abwasser in Flüsse leiten, um nur einige Beispiele zu nennen. «Ökologische Kolonialisierung des Umlands» nennen Städte­forscher diesen Mechanismus.

Manche Grossstädter scheinen das andersrum zu verstehen. Sie sehen ihre Stadt nicht als ökologische Kolonialistin, sondern als Vorbild und Pädagogin für das ökologisch unsensible Umland. Sie glauben, weil sie selbst alle fünf Minuten ein Tram oder einen Bus im Quartier haben, brauche auch der Buchprüfer im Toggenburg kein Auto. Sie wohnen in energetisch sanierten Gebäuden und finden, auch das Rentnerehepaar in Muotathal solle seine Ölheizung ersetzen. Und wenn sie in der Zeitung lesen, dass in Engelberg ein Stall ausserhalb der Bauzone ausgebaut wird, regen sie sich furchtbar auf.

Dass wir uns richtig verstehen: Städte sind keine Bösewichte. Aber dass sie ihren Wohlstand auf Kosten des Umlands aufgebaut haben, ist Fakt. Umso skurriler ist es, wenn grüne Städter der Landbevölkerung, die weniger grün wählt, ankreiden, dass sie Wälder gerodet, Abfälle verlocht und – aus heutiger Sicht – andere Umweltsünden im Interesse der Städte begangen hat.

Die überdurchschnittlich hohe städtische Zustimmung zu Vorlagen wie der Energiestrategie, der Verschärfung der Raumplanung oder der Zweitwohnungs-Initiative hat aber genau diesen Beigeschmack. Sie zwingen das Land, sich auch bei der Schadensbegrenzung wieder für die Städte einzuschränken. Und zwar, gemessen an den ländlichen Verhältnissen, überproportional stark. Landtölpel bleibt eben Land­tölpel. Viel hat sich auch unter Rot-Grün an der alten Hackordnung nicht geändert.

Publizist

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