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Kolumne

Es ist Zeit, den Ballast abzuwechseln

Gabriel Felder, freier Journalist in London, über den Jahreswechsel
Gabriel Felder

Nun stehen wir mitten im Winter. Die Natur zieht ihre Lebenssäfte in sich zurück und fällt in einen Zustand von selbst auferlegter Ruhe. In den Baumstämmen konzentriert sich nicht nur das Lebenselixier, sondern auch eine Standhaftigkeit im Innern. Rückzug, Einkehr, Meditation – für drei Monate entsagt sich das Leben der Aktivität auswärts und sammelt Kräfte im Kern. Die Zweige stehen blank, die Tierwelt liegt im Schlaf, eisige Winde und lange Nächte zwingen zum Innehalten.

Ich finde es immer wieder bemerkenswert, dass sich der Mensch in dieser Zeit oft genau in die gegenseitige Richtung bewegt. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber meine letzten paar Wochen im alten Jahr sind von Rummel und Rastlosigkeit geprägt. Weihnachten will organisiert sein, Feste rauschen an, Schulzeugnisse warten auf clevere Kommentare (in meinem Fall) und, und, und .

Je älter ich werde, desto mehr sehne ich mich nach einem Winter, wie er uns von der Natur vorgelebt wird: ein gemächlicher «Jahresabend», in dem Geruhsamkeit und stille Reflexion Platz finden. Wo es sich in die eigenen Höhlen zurückziehen lässt, auch wenn da Dunkelheit wartet und man sich für einmal mit den Schattenseiten der menschlichen Existenz konfrontieren muss. Eine Zeit, die einem erlaubt, innerlich aufzuräumen, den engen Beklemmungen zu begegnen, die auf unsere geräumigen Seelen drücken wie Blei. Zeit, den Ballast abzuwerfen, der uns als Schulterlast nur drosselt und den Gang durchs Leben beschwerlich und freudlos macht.

Ich sehe immer wieder, wie einfach es ist, sich von genau diesen Momenten der Verinnerlichung ablenken zu lassen. Wir leuchten den Winter auf, wo es nur geht, und die Botschaft einer «dunklen Nacht der Seele», die durch die Geburt des Messias aufgeleuchtet wird, gehört natürlich zu den wertvollsten Botschaften des Christentums. Aber wie können wir eine Nacht der Seele aufleuchten lassen, wenn wir gar nie dort waren und gespürt haben, wo unser Leben auf eine kraftvolle und oft längst überfällige Veränderung pocht? Nur eine Begegnung mit den weniger glänzenden Seiten unseres Lebens ermöglicht wahre und anhaltende Aufhellung.

Die Sonnenwende, die am Freitag vor Weihnachten stattfand, wurde im südenglischen Pilgerort Stonehenge mit Feuer und Flamme gefeiert. Das Feuer symbolisierte dabei die Verbrennung des Alten und seine auflösende Kraft symbolisierte Neuanfang und Neugeburt. Was nicht mehr funktioniert und uns nur noch drückt, zwängt und sticht, wird dem Feuer übergeben – und damit von seiner bedrohenden Macht im Unterbewusstsein freigelöst.

In nicht allzu weiter Ferne winkt uns dabei der Frühling zu, und mit ihm die Jahreszeit des Aufbruchs. Ich bin überzeugt, dass unsere Schritte diesen helleren und leichteren Tagen entgegen nach einem bewusst gelebten Winter des Ballastabwurfes viel schwungvoller ausfallen werden.

So gesehen hoffe ich, Sie alle haben ein schönes Weihnachtsfest verbracht, in dem es Platz hatte für den besinnlichen und klärenden Aufenthalt im Innern. Wie dunkel uns diese Dezembertage auch vorkommen mögen, ihr Geschenk entfaltet sich, wenn wir die Einladung zur Reflexion annehmen und sehen: Das Licht der Weihnachtsbotschaft leuchtet immer in uns. Es liegt an uns, den blockierenden Schatten ins Auge zu blicken und liebevoll davon Abschied zu nehmen.

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