Kolumne

Ich meinti: Bergfrühling im (Schnee-)Paradies

Warum auch im Alpentourismus weniger manchmal mehr ist.

Ruth Koch
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Ruth Koch

Das Pedalen lohnt sich: Mit dem Elektrovelo geht es an einem verhangenen Samstag hinauf zur Melchsee-Frutt und zur Tannalp. Die Bergwelt präsentiert sich wild, der Bergfrühling farbenprächtig mit blauem Enzian und den ersten blühenden Alpenrosen.

Wegen des unsicheren Wetters sind nur wenige Biker und Wandernde unterwegs. Da und dort richten sich die ersten Älplerinnen und Älpler für den Alpsommer ein. Die schwindenden Schneefelder in den Gräben stehen im Kontrast zum ersten Grün der Weiden im Hochtal. Wild tanzen die Wellen auf dem Melchsee. Bei der Tannalp halten Murmeltiere auf kleinen Hügeln Wache, andere spielen ohne Scheu. Eine einsame Nebelschwade umhüllt den Barglen. Es herrscht eine einzigartige Ruhe.

Keine Ruhe lassen mir die erneuten Pläne rund um die Skigebietsverbindung zwischen Hasliberg, Melchsee-Frutt und Titlis. Schon seit 17 Jahren schwebt dieses Monsterprojekt über unserem Tal. Seit der ersten Stunde hatten die Pläne die Gegner mobilisiert. 10'000 Unterschriften waren damals unter Einheimischen, Naturfreundinnen, Jägern, Bergführerinnen, Berggängern und Gästen aus der ganzen Schweiz gesammelt worden.

Vielerlei Gründe sprachen und sprechen heute noch gegen den Skigebietszusammenschluss. Neben der Zerstörung der Natur und der Landschaft befürchten die Gegner zusätzlichen Verkehr. Wir alle im Sarneraatal und im Engelbergertal kennen die Autokolonnen an Ausflugswochenenden. Darunter leiden nicht nur die Autofahrer, sondern ebenso die Anwohner. Der Angebotsausbau im öffentlichen Verkehr während der letzten Jahre vermochte die Strassen nicht zu entlasten. Grosse Sorgen bereiten auch die geplanten Seilbahnen, die in bisher unberührte Geländekammern verbaut werden sollen. Weshalb intakte Landschaften zerstören, die für den Sommertourismus so wichtig sind?

Ab der Tannalp lassen wir das Velo stehen und wandern bis zur Engstlenalp. Der Graustock ist mit kaltweissem Puder überzogen. Beim Abstieg schweift mein Blick über den Engstlensee und die Wendenstöcke. Plötzlich stösst mein Mann hinter mir ein lautes «Achtung» aus. Es liegt eine Kreuzotter hinter mir auf dem Weg. Ich hatte sie übersehen und wäre beinahe auf die Giftschlange getreten. Nur um wenige Zentimeter hatte ich sie verfehlt. Fasziniert beobachten wir die auffällige Musterung, die sich über den Rücken des Reptils zieht. Wir haben nicht Glück im Unglück, sondern Glück im Glück: Weil ich nicht gebissen wurde. Und weil wir das seltene Tier nun beobachten können, wie es sich langsam über den Weg auf die Alpweide weg schlängelt.

Bald startet die Sommersaison und an schönen Tagen werden zahlreiche Einheimische und Touristen den Bergfrühling geniessen. Die Bergrestaurants und Hotels sind dann wieder belebt mit Menschen, die sich am Spazieren, Klettern, Fischen, Biken oder Wandern erfreuen. Ich meinti: Es wäre klüger, die Landschaft für den nachhaltigen und wachsenden Sommertourismus zu erhalten, als sie mit teuren Seilbahnen zu verschandeln.

Ruth Koch-Niederberger, Kommunikationsfachfrau aus Kerns, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema