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Kolumne

Mein Bild: Ich möchte kein Urgestein sein

Man wird älter. Ein Urgestein will allerdings trotzdem niemand sein. «Über das Wunschkonzert der Kranken», die Urologie, Urbi et orbi und: Das Älterwerden.
Hans Graber
Der «Alter Schwede» genannte Findling am Hamburger Elbufer bekam Anfang Jahr einen goldenen Anstrich. Menschliche Urgesteine sehen sich zuweilen etwas weniger goldig. (Bild: Axel Heimken/Keystone (Hamburg, 2. Januar 2019))

Der «Alter Schwede» genannte Findling am Hamburger Elbufer bekam Anfang Jahr einen goldenen Anstrich. Menschliche Urgesteine sehen sich zuweilen etwas weniger goldig. (Bild: Axel Heimken/Keystone (Hamburg, 2. Januar 2019))

Unablässig ziehen die Jahre ins Land. Dass die Zeit für alle gleich schnell verstreicht, ist eine sehr tröstliche Erkenntnis. Trotzdem gibt es persönliche Einschnitte, wenn wieder einmal eine imaginäre Grenze durchschritten ist. In meinem Fall war es das Rentenalter, das exakt mit dem Jahreswechsel prompt und halbwegs zuversichtlich erreicht wurde, dankbar auch, sicher damit rechnen kann man nicht in jedem Fall.

Natürlich macht man sich da so seine Gedanken, die mich allerdings schon länger umtreiben. Scharf rüffeln musste ich bereits im zarten Alter von etwa 41 Jahren meine sonst sehr charmante Schwiegermutter, die mir zu meinem Geburtstag «noch viele schöne Jahre» gewünscht hatte. Sie hat es sicher nur gut gemeint, aber bei dieser Art Wunsch sieht man vor seinem inneren Auge halt doch schon irgendwo den Knochenmann mit der Sense winken. «Noch viele schöne Jahre» ist nicht zufällig häufig im «Wunschkonzert für die Kranken» oder bei Wiegenfesten über 90 zu hören.

Es war wohl nahezu unvermeidlich, aber für mich trotzdem etwas beelendend, dass mich vor ein paar Tagen ein Leser in einem freundlichen Mail als «Urgestein» dieser Zeitung bezeichnet hat. Auch da, es war nicht bös gemeint, eher im Gegenteil, einen Stich gegeben hat es mir gleichwohl. Dieses Gestein lastet als schwerer Brocken auf einem, und das macht etwas Angst. Urangst?

Am «Ur» allein kann es nicht liegen. Zwar habe ich eine kleine Abneigung gegen Urdinkel (nur Dinkel wäre besser), und ich bleibe auch bei der Urologie gerne auf Distanz. Andererseits lausche ich als Nichtkatholik immer recht ergriffen dem Urbi et orbi, Uri ist immerhin mein drittliebster Kanton, und ohne Urknall würde es uns alle scheint’s gar nicht geben. Aber Urgestein einer Zeitung? Nein. Nein!

Enger Verwandter eines solchen medialen Urgesteins ist übrigens der Vollblutjournalist. Der ehemalige Fernsehdirektor Schellenberg hat mir vor Jahren in einem Interview mal gesagt, Vollblutjournalist höre sich für ihn immer an wie «Volltubel». Das hat mir eingeleuchtet, voll. Spätestens seither war ich stets ein wenig darauf bedacht, nicht wie ein solcher «Volltubeljournalist» zu wirken. Ganz geglückt ist es nicht.

Mit solchen Etikettierungen muss man wohl leben, und selber bin ich ja auch nicht frei davon, andere zu schubladisieren. Da es sie nicht nur in der Journalistenzunft gibt, hat meine eigene Kategorie der «Vollblütler» heerscharmässige Dimensionen angenommen, und ein Ende ist nicht in Sicht. Stimmt, vergleichsweise wirkt Urgestein auf Anhieb etwas netter. Aber ich verbinde diesen Begriff nun mal mit massig, träge, plump, festgefahren, unbeweglich, leblos, verwittert, mit Spuren von Fossilien, und da und dort ist eine Ecke ab. Anders gesagt: So ganz abwegig ist das mit dem Urgestein schon nicht. Aber das ist es ja gerade.

Urgestein – ein grässliches Wort, und auch Übersetzungen, die das Ganze wenigstens klanglich etwas erträglicher machen, sind fast nicht zu finden. Am ehesten noch das italienische «sasso primitivo». Ich – der «sasso primitivo» dieser Zeitung. Doch, damit könnte ich glaub gut leben. Noch einige schöne Jahre lang.

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