«Jung & Alt»-Kolumne
Die Jugend ist verweichlicht – na und?

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unsere Autorin Samantha Zaugg alternierend mit Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist, 76. Diese Woche begegnet Zaugg dem Vorwurf, die Jugend sei überempfindlich.

Samantha Zaugg
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Die Jungen sind sensibel wie zarte Blüten oder Schneeflocken. Kann man leicht als schwach abtun, ist aber eigentlich ziemlich stark.

Die Jungen sind sensibel wie zarte Blüten oder Schneeflocken. Kann man leicht als schwach abtun, ist aber eigentlich ziemlich stark.

Bild: Samantha Zaugg

Lieber Ludwig,

Ein interessantes Bild, das du zeichnest. Dass der Kopf, die Psyche, gleich funktioniert wie das körperliche Immunsystem. Um fit zu bleiben, müssen beide immer wieder herausgefordert werden. Der Körper mit Dreck, Bakterien, Viren. Der Kopf mit Diskussionen, Auseinandersetzung, anderen Meinungen.

Du vermutest, unser gesellschaftliches Nervensystem ist schlapp, verkümmert in Lockdowns und Isolation. Deshalb seien wir als Gesellschaft gereizt, zanken uns so wüst über allerhand, zum Beispiel übers Impfen. Ich glaube, es ist genau anders rum. Unser psychisches Immunsystem ist furchtbar gestresst. Zu viel Angriff von aussen. Überstrapaziert. Auch deshalb, weil wir nicht richtig wissen, wie wir ihm Erholung verschaffen, uns um unsere Psyche kümmern.

Es geht ja schon, man muss sich halt zusammenreissen. Gerade bei euch Alten ist das ein grosses Thema. Ihr schluckt alles runter, was euch belastet, schweigt es aus.

Du sagst, uns gehe es als Gesellschaft so gut wie nie. Und dennoch seien wir so unglücklich wie nie. Das glaube ich nicht. Ich glaube, heute sprechen wir eher darüber, wenn es uns nicht gut geht. Und begegnen unserem Zustand auch mit Diagnosen. Das wird unserer Generation auch gerne vorgeworfen. Wir seien verweichlicht, übersensibel, egozentrisch.

Dabei ist egozentrisch gar nicht unbedingt schlecht: Ein reflektierter Blick nach innen würde den meisten Leuten guttun. Oft hat man mit sich selbst ja schon genug zu tun. Wenn jeder für sich selbst sorgt, ist für alle gesorgt. Da ist schon was dran.

Ich beobachte, dass junge Menschen sich sehr reflektiert mit der eigenen psychischen Gesundheit befassen. Es ist leicht, das als überempfindlich abzustempeln. Es braucht Mut, dann zu sagen: Nein, ich bin nicht empfindlich. Zu sagen, es geht mir nicht gut, ich bin traurig, ich habe Angst, ich komme nicht zurecht. Vor allem weil das in unserer Gesellschaft als Schwäche bewertet wird. Und ich finde, das ist traurig, auch für euch Alten.

Wenn ich mir die Biografien alter Menschen anschaue, dann sehe ich genug, das schwer war. Strenge Erziehung, wenig Zuneigung, viel Arbeit, Demütigung, körperliche Züchtigung, materielle Not, Kriegszeiten. Da ist ganz schön viel da, was sehr anstrengend tönt. Bestimmt, früher waren die Zeiten anders. Man hat das weggesteckt, man musste auch. Und heute sind die alten Leute da, knorzen sich irgendwie durch und sagen: Uns hat es ja auch nicht geschadet. Und da bin ich mir eben nicht so sicher.

Warum habt ihr alten Leute so einen Krampf mit psychischer Gesundheit? Warum sprecht ihr uns Jungen unsere Sorgen ab? Und tut so, als seien wir verweichlichte Schneeflocken?

Samantha

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