Kolumne
«Glamour, mon amour»: Erst kommt die Schöpfung, dann die Erschöpfung

Unsere Autorin Simone Meier schreibt diese Woche über das Älterwerden und erklärt, weshalb wir uns als Summe unseres gesamten Lebens sehen sollten.

Simone Meier
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Körperliche Gebrechen sind in Restaurants ein besonders beliebtes Gesprächsthema älterer Menschen.

Körperliche Gebrechen sind in Restaurants ein besonders beliebtes Gesprächsthema älterer Menschen.

Bild: Keystone

Versetzen Sie sich bitte einmal in Ihre jüngsten Jahre zurück. Als Sie noch nicht erwachsen waren. Erinnern Sie sich daran, wie lästig das früher war, wenn die Erwachsenen stundenlang und hingebungsvoll über ihre Gebresten redeten? Wie alt sie Ihnen da vorkamen? Wie Sie vor Familientreffen verlangten, dass nicht länger als eine Viertelstunde über Krankheiten geredet wird, weil Ihnen das alles zu tötelig war? Waren Sie sich in Ihren jüngsten Jahren auch ganz sicher, dass Sie dereinst vom Verfallsprozess ausgenommen sein würden?

Jetzt, deutlich in der zweiten Hälfte der S-Kurve meines Lebens liegend, benehme ich mich genau gleich wie die Erwachsenen damals. Neulich sass ich mit einem Freund in einer Beiz, und schon nach wenigen Minuten entspann sich folgender Dialog:

«Morgen muss ich zur Physio.»

«Ich übermorgen. Die Schulter. Und du?»

«Der Rücken! Ganz schlimm. Na, Boostertermin schon in Sicht­weite?»

«In zehn Tagen! Und gerade habe ich meine Grippe­impfung geholt. Zur Sicherheit.»

«Ja, mach ich auch noch. Was willst du heute essen?»

«Glutenfrei natürlich, sorry, die Allergie.»

«Eh klar. Mein Magen spinnt seit Wochen, ich brauch was ganz Leichtes. Ich schlafe so schlecht deswegen.»

«Trink Leber-Galle-Tee!»

«Klingt ja eklig!»

«Kennst du nicht? Gibt’s überall! Der baut alles ab, sogar Alkohol, du schläfst wie ein Igel im Winter!»

«Okay, kauf ich. Wie geht’s deinem Asthma?»

«Geht. Habe ich dir eigentlich schon erzählt, dass ich immer weniger Fleisch esse?»

«Du??? Na endlich, willkommen auf der vegetarischen Seite der Welt!»

«Haha, da bin ich noch lange nicht! Das ist irgendwas Fieses, Frauentechnisches. Irgendwas mit Hormonen und Wechseljahren und einer schwindenden Lust auf Fleisch.»

«Ihr Frauen und eure Hormone, das ist wie eine lebenslange Strafe, oder?»

Irgendwann brachen wir in Gelächter aus. Schliesslich sind wir noch ein paar Jahre von unserer Pensionierung entfernt und haben bisher beide keine schweren Krankheiten, Unfälle oder Operationen hinter uns, aber die Biologie hat uns jetzt definitiv auf das Feld der Verblühenden verpflanzt. Dorthin, wo die Gesichter schmaler, die Nasen und Ohren ausgeprägter werden. Dorthin, wo sich Grau ungefragt in jede Haarfarbe mischt und nur noch besonders glückselige Beine nicht von Äderchen gebläut sind. Dorthin aber auch, wo Körper zu Leinwänden für ein gelebtes Leben werden. Wo sich Falten wie Brokat um Augen legen und die Haut zwar ihre Spannkraft verliert, aber fein wie Schmetterlingsflügel wird.

Es ist halt so, das Leben. Erst wurde es gross und weit, jetzt wird es allmählich kleiner, enger und müder. Erst gibt’s die Schöpfung, dann die Erschöpfung. Doch was zählt, ist nicht nur der Moment. Was zählt, ist alles. Die Summe dessen, was wir waren, sind und vielleicht einmal gewesen sein werden. Unsere ganze Geschichte. Sie macht uns wertvoll. Und je älter wir werden, desto mehr davon ist uns anzusehen.

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