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Kolumne

Wieso den Schulen immer mehr Lehrer davonlaufen

Der Lehrermangel in der Schweiz spitzt sich zu. Das hängt auch damit zusammen, dass Schulbehörden und Schulleitungen den Lehrkräften in teilweise forscher Gangart neue, sich am Lehr- plan 21 orientierende Lernkonzepte verordnen wollen.
Mario Andreotti
Mario Andreotti, Dozent für neuere deutsche Literatur und Buchautor.

Mario Andreotti, Dozent für neuere deutsche Literatur und Buchautor.

Was Kritiker der überstürzten Bildungsreformen schon längst vorausgesagt haben, ist nun eingetreten: ein Lehrer­mangel enormen Ausmasses, der Schulbehörden und Schulleiter immer häufiger zwingt, an unseren Volksschulen Personen in die Klassenzimmer zu holen, die sich entweder noch im Studium an einer Pädagogischen Hochschule befinden oder sonst wie weder fachlich noch pädagogisch-didaktisch genügend ausgebildet sind.

Dabei werden für den sich zuspitzenden Lehrermangel von Seiten der Behörden und Bildungsexperten mehrheitlich Gründe genannt, welche die wahren Ursachen verschleiern. Es ist da von zu tiefen Einstiegslöhnen, von zu grossen Klassen, von steigenden Schülerzahlen und dergleichen mehr die Rede. Das mag ja alles stimmen.

Doch die eigentlichen Gründe für den Mangel an qualifizierten Lehrkräften, der nicht zufällig gerade heute akut geworden ist, liegen woanders. Das machen auch die sich in letzter Zeit häufenden Kündigungen von Lehrern deutlich. Die Schulen von Wigoltingen, Buttikon und Luberzen mit ihren «Massenkündigungen» dürften da nur die Spitze des Eisberges sein. Seit einiger Zeit brodelt es in verschiedenen Schulen, weil Schulbehörden, aber zunehmend auch Schulleiter den Lehrkräften in teilweise forscher Gangart neue, sich am Lehr- plan 21 orientierende Lernkonzepte verordnen wollen.

«Wer will unter solchen, nicht kindgerechten Voraussetzungen noch Lehrer sein?»

Die Lehrer werden dazu in Weiterbildungskurse geschickt, um auf ihre neue Rolle als Coaches oder Lernbegleiter getrimmt zu werden. Als solche dürfen sie den Schülern, die jetzt Lernpartner heissen, nichts mehr erklären; diese sollen sich den Lernstoff selbst beibringen. Jeder hat für sich allein am Laptop oder Tablet-Computer und anhand von Arbeitsblättern die einzelnen Aufgaben zu lösen und am Schluss erst noch alles eigenhändig zu korrigieren. Die zu reinen Lernbegleitern degradierten Lehrer werden angehalten, nur noch einzelnen Schülern zu helfen, wenn diese Fragen haben.

Wer will unter solchen, nicht kindgerechten Voraussetzungen noch Lehrer sein? Und wie sollen Lehrer als souveräne Persönlichkeiten unterrichten können, wenn sie immer mehr am Gängelband selbstherrlicher Schulleiter und weltfremder Bürokraten tanzen müssen? Da taugen auch die teilweise abenteuerlichen Lösungsvorschläge zur Behebung des Lehrermangels – ein Verbot von Teilzeitarbeit und die Erhöhung des Pflichtpensums – kaum etwas.

Es muss eine andere Lösung her. Neben attraktiveren Rahmenbedingungen, zu denen unter anderem mehr Lohn, weniger Unterrichtsstunden sowie kleinere Klassen zählen mögen, muss sich die Unterrichtsform selber tiefgreifend ändern. Aus dem Lernatelier muss wieder ein Klassenzimmer, aus dem «selbstgesteuerten Lernen» ein Klassenunterricht und aus dem Lernbegleiter eine Lehrperson werden, die sich in der Beziehung zu ihren Schülern als vorbildliche Persönlichkeit souverän einbringen kann, ohne dauernd durch unergiebige Evaluationen und fragwürdige Reformen von ihrem Kernauftrag abgelenkt zu werden. Nur so lässt sich wieder ein solides Bildungsfundament aufbauen.

Nicht zuletzt muss den Lehrerinnen und Lehrern von Seiten der Öffentlichkeit, vor allem der Eltern und der Schulbehörden, wieder jene Wertschätzung für ihre verantwortungsvolle Lehrtätigkeit und Erziehungsarbeit entgegengebracht werden, die heute viele zunehmend vermissen lassen. Das wären die besten Voraussetzungen, um weiterhin geeignete Frauen, aber auch Männer für den Lehrerberuf zu gewinnen und sie auch längerfristig in diesem Beruf zu halten – damit der Lehrermangel wieder der Vergangenheit angehört. Zum Wohle unserer Kinder.

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