Neue Kolumne
Klassikerin des Monats: Kriegsreporterin Martha Gellhorn – eine weibliche Antwort auf Hemingway

Berufskollegen bezeichneten sie als «desaster girl». Sie war eine Frau an fast jeder Front, hörte aber eher den Leidenden zu als den Generälen.

Julian Schütt
Julian Schütt
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Bewegtes Leben: Journalistin Martha Gellhorn berichtete direkt aus dem Kriegsgebiet.

Bewegtes Leben: Journalistin Martha Gellhorn berichtete direkt aus dem Kriegsgebiet.

FPG

Wo Martha Gellhorn (1908–1998) ist, ist der Krieg nicht fern. Darum fällt sie mir in diesen Zeiten sofort ein. Sie hat einst eine Männerdomäne erobert und sich als bedeutendste Kriegsreporterin des 20. Jahrhundert einen Namen gemacht. Ihr imponieren nicht die Generäle, sondern sie hört den Leidenden zu.

Schon im Spanischen Bürgerkrieg ist sie dabei, dann bei der Befreiung der Gefangenen deutscher Konzentrations­lager. Später reist sie nach Vietnam und in den Sechstagekrieg. Als Frau an fast jeder Front zeigt sie sich in ihren Reportagen (erhältlich in der Edition Tiamat und im Verlag Dörlemann).

«Ich frage mich, ob ich irgendein Geschlecht habe»

Berufskollegen bezeichnen sie als «desaster girl». Sie bewährt sich jedoch nicht nur an der Front, sie leuchtet genauso gekonnt Hintergründe aus. Vor den 68ern beklagt sie bereits die ungenügende Aufarbeitung der deutschen Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg.

Lange hat man Martha Gellhorn bei uns hauptsächlich als dritte Ehegattin von Ernest Hemingway wahrgenommen. Nach seinem Geschmack ist sie viel zu eigenständig. Einmal stellt er sie zur Rede: «Was willst du eigentlich sein, Kriegskorrespondentin oder die Frau in meinem Bett?»

Anders als die meisten Menschen ziehen Martha Gellhorn ungeschützte und unbehütete Terrains an, wo sich alle Gewissheiten auflösen. Sie will fluid bleiben. «Ich habe kein Alter, bin weder jung noch alt; ich frage mich, ob ich irgendein Geschlecht habe.» Wie es sich für eine moderne Klassikerin gehört, ist auch ihre Literatur zeitlos, offen, unabhängig.

Sie geht so nahe ran, wie es sich nur eine begnadete Autorin erlauben kann

Unvergesslich ist für mich ihre Geschichte «Bis der Tod uns scheide», ein Porträt über den 1954 durch eine Mine in Indochina getöteten Starfotografen Robert Capa, einen «Blutsbruder», wie Gellhorn sagt, ohne dass die «vergifteten Untiefen einer Affäre» ihre Freundschaft stört. Während sie als Autorin ihre Kriegseindrücke nachträglich verarbeiten kann, hat der Fotograf nur diesen einen Moment, um abzudrücken, «er kann sich keine Gefühle erlauben».

Robert Capas Bonmot zirkuliert bis heute im Kriegsjournalismus: «Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran.» Martha Gellhorn fängt den Kollegen aber nicht auf dem Schlachtfeld ein, vielmehr in intimen Beziehungen, in denen endlich seine Gefühle gefragt sind. Sie geht so nahe ran, wie es sich nur eine begnadete Schriftstellerin erlauben kann.