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Kolumne

Neun Wochen RS: Das Herz frohlockt, die Nase jammert

Feldpost: Unsere Autorin Chiara Zgraggen hat die Hälfte der RS bereits überstanden – sie zieht ein überaus positives Fazit. In fast jeder Hinsicht.
Chiara Zgraggen
Rekrutin und Journalistin Chiara Zgraggen schreibt über ihren Alltag in der Rekrutenschule. (Bild: Dominik Wunderli)

Rekrutin und Journalistin Chiara Zgraggen schreibt über ihren Alltag in der Rekrutenschule. (Bild: Dominik Wunderli)

«Bereust du, in die RS gegangen zu sein?», werde ich derzeit von Kameraden, Kollegen, Familienangehörigen oftmals gefragt. Mit Erstaunen stellte ich vor einigen Tagen fest, dass die ersten neun Wochen nun vorüber sind. Halbzeit also. Dies nehme ich zum Anlass, an dieser Stelle ein Fazit zu ziehen. Vorausgesetzt, ich bleibe Rekrut respektive Soldat, aber dazu besser zu einem anderen Zeitpunkt mehr. Schliesslich lesen nicht nur Abonnenten dieser Zeitung, sondern auch fast das gesamte Kader diese Texte. Einen lieben Gruss an dieser Stelle! Was sind also die Erkenntnisse, nachdem ich mich Anfang Januar in dieses Abenteuer gestürzt habe?

Ich horche in meinen Körper und frage nach. Was meint denn mein Schlafzentrum: Hat es sich gelohnt? «Nein! Nein, nein, nein. Es war ein furchtbarer Entscheid! Fünf Stunden Schlaf, vielleicht noch zwanzig zusätzliche Minuten bei Theorievorlesungen. Das ist viel zu wenig! Kein Wunder, schläft sie am Wochenende mindestens zwölf Stunden.» Schnell entgegnen meine Muskeln. «Beruhige dich. Weisst du eigentlich, wie sehr wir in diesen wenigen Wochen bereits zulegen konnten? Anfang Jahr schaffte sie weder fünf normale Liegestütze noch eine mehrstündige Wanderung mit schwerem Gepäck auf dem Rücken.

Und sieh sie dir jetzt an! Trotz Asthma und anfänglicher Motivationsschwierigkeiten hat sie den 18-Kilometer Leistungsmarsch in Schutzkleidung mit einem 70-Kilogramm-Mann auf der Bahre geschafft. Wer hätte das vor drei Monaten erwartet? Nicht einmal die Füsse haben gelitten, oder?» «Da habt ihr vollkommen recht», entgegnen die beiden. Zu Recht – nicht unter einer Blase mussten sie die vergangenen Wochen leiden.

Unter der RS leidet aber ein anderes Körperteil, genauer der Riechkolben. «Seid froh, musstet ihr noch nie leiden», schreit die Nase den Füssen zu. «Warum so gehässig?», möchten die beiden wissen. «Zuerst einmal könnt ihr euch nicht im Traum vorstellen, wie ein Raum nach dem Putzen von Kampfstiefeln riecht. Schweiss mit einem Hauch von Schuhfett. Es gibt manch angenehmere Düfte», meint die Nase. «Hinzu kommt, dass ich ständig mit Sekret gefüllt bin. Wann wird es endlich wärmer hier in Airolo? Und die Männerfürze die ganze Zeit. Schrecklich!»

Diese Diskussion liegt dem Magen schwer auf. Im Gegensatz zur Kost, die er tagtäglich verdauen darf. «Ihr könnt euch so viel beschweren, wie ihr wollt, bei mir gibt es keinerlei Grund dazu», schwärmt der Magen. «In meinen jungen Jahren durfte ich kaum solch ausgewogene Kost verarbeiten. Lediglich den Liter Energy Drink pro Tag mag ich nicht so. Aber wenn ich dem Schlafzentrum so zuhöre, wird das wohl nötig sein.»

Wie bilanziert denn der Verstand respektive das Herz, das wichtigste aller Organe? «Es war einer der besten Entscheidungen meines bisherigen Lebens.» In diesen wenigen Wochen habe ich mehr über mich gelernt, als ich zuvor zu glauben traute. Nie hätte ich gedacht, mit männlichen Gleichaltrigen mithalten zu können.

Einer meiner Gründe, der Armee beizutreten, war, meine eigenen Grenzen kennen zu lernen und diese gar zu überschreiten. Und genau dies durfte ich bereits erfahren. Zu Beginn unseres letzten Marsches hätte ich nie gedacht, meinen Körper samt schwerer Packung den Berg hinauf zu schaffen. Und was geschah zum Schluss? Genau, ich habe es geschafft und hievte mich ausgelaugt, aber auch voller Stolz morgens um 1 Uhr ins Bett. Nun freue ich mich auf die zweite Halbzeit. Auf dass noch viele weitere Erfahrungen meinen Verstand zum Erstaunen und die Nase zur Verzweiflung bringen. Rekrut Zgraggen meldet sich ab!

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