Kolumne

«Papa & Papi»: Diese Ostern gibts besonders viele ungesäuerte Brötchen

In seiner Kolumne «Papa & Papi» schreibt Ethiker Michael Braunschweig über das Elternsein mit seinem Mann und seinen Kindern. Diese Woche über die Zeit der Entbehrung, bei der wir dieses Jahr alle mitmachen.

Michael Braunschweig
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«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig (Bild: CH Media)

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig
(Bild: CH Media)

Nach bald einem Monat heimischer Selbstisolation spüren auch wir nun, wie Petrus und das Kirchenjahr den Druck erhöhen: Das schöne Wetter und die Ostertage ziehen, nein reissen richtiggehend nach draussen. Der Drang, die obrigkeitlichen Weisungen zu missachten, wächst. Wem ginge es da anders? Jedenfalls gilt das für uns Erwachsene. Die Kinder hingegen sind richtiggehende Corona-Musterschüler: Sie bleiben lieber zuhause. Erst gegen Abend haben unsere Versuche, sie an die frische Lust zu bewegen, manchmal Erfolg.

Dabei hätte der Frühling meteorologisch wie astronomisch kaum bombastischer beginnen können. Der Frühlingsvollmond hat als Supermond Fotografiebegeisterte in Entzückung versetzt. Supermond-süchtig waren diesen Mittwoch aber offenbar auch unsere Kleinen. Sie sind normalerweise gute, nein hervorragende Schläfer. Da braucht es schon ein Fieber, um sie nachts vom Schlaf abzuhalten – oder eben, wie wir nun wissen, einen Supermond: Keine Stunde, in der nicht entweder Töchterchen oder Söhnchen danach verlangten, den Mond nochmals anzusehen, was sie mit «schön» quittierten und sich dann zufrieden wieder schlafen legten. Natürlich haben sie sich abgewechselt! Homeoffice sei Dank konnten wir uns auch bei der Kompensation unseres Schlafdefizits abwechseln.

Mit dem Supermond hat nun auch nach dem jüdischen Kalender der Frühling begonnen und Ostern steht an. Kaum je wurde für so viele – nolens volens – erfahrbar, woran die alten Festzyklen von Ostern und Pessach erinnern; an die existenzielle Erfahrung von Entbehrung und Verzicht. Und kaum je ist das Verlangen nach Erlösung aus einer entbehrungsreichen Zeit authentischer zu erleben als jetzt. Nicht zu wissen, wie lange die Situation anhält und am Horizont immer die Möglichkeit, dass doch noch die Ausgangssperre kommt – das macht etwas mit den Menschen, wie an den leergeräumten Regalen der Supermärkte deutlich wurde.

Zugegeben: Auch unser Einkaufsverhalten hat sich verändert. Aber bergeweise Klopapier, Reis oder Mehl abtransportieren – das haben wir nicht als nötig empfunden. Wir waren keine Hamster, höchstens kleine Zwerghamster: vielleicht eine Packung mehr als üblich und vielleicht ein-, zweimal häufiger einkaufen. Denn gezwungenermassen sind wir nun mehrheitlich zu viert zuhause, was automatisch zu höherem Konsum führt. Aber viele kleine Zwerghamster räumen eben auch die Regale leer. Das merken wir nun auch. Mit den Kindern zuhause gibt es kaum Sinnvolleres, als zu backen: Es ist kreativ, partizipativ, produktiv, gesellig und verbindet das Schöne mit dem Nützlichen. Aber daraus wird immer seltener etwas. Denn nach Hefe suchen wir schon länger erfolglos. So backen wir unsere Oster-Brötchen jetzt halt ungesäuert – in Solidarität mit allen, denen es wirklich sauer geht.

Michael Braunschweig

Der Ethiker und Theologe hat mit seinem Ehemann zweijährige Zwillinge.

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