Kolumne

«Papa & Papi»: Endlich ist das Ungetüm weg! Wie unsere Kinder das Monster aus dem Reduit bezwangen

In seiner Kolumne «Papa & Papi» schreibt Ethiker Michael Braunschweig über das Elternsein mit seinem Mann und seinen Kindern. Diese Woche berichtet er über den epischen Sieg, den seine Kinder im Kampf gegen einen lauten Gegner errungen haben.

Michael Braunschweig
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«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig (Bild: CH Media)

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig
(Bild: CH Media)

In unserer Wohnung wohnt seit langer Zeit ein urzeitliches Ungeheuer, das dem Typhon der griechischen Mythologie in nichts nachsteht. Typhon, das grässliche Ungetüm mit Drachen- und Schlangenköpfen, das einzig und allein dazu geboren wurde, um die Götter in Angst und Schrecken zu versetzen. Wehe, wenn wir dieses Monster hervorholen: Mit seinem Gebrüll wie aus hundert Kehlen sät es Angst und Schrecken bei unseren Kindern.

Wie die olympischen Götter, die nach Ägypten flohen, als Typhon sich anschickte, den Olymp zu erobern, flüchten sich unsere Kleingottheiten kreischend aufs Sofa oder in die hinterste Ecke ihres Zimmers, liegen sich eng umschlungen in den Armen und halten ängstlich Ausschau nach dem Ungetüm.

Ein solches Monster im Zaum zu halten, bedarf eines besonderen Gefängnisses. In der griechischen Sagenwelt begrub Zeus das Ungetüm unter dem Ätna. Einen Vulkan haben wir nicht in unserer Wohnung, dafür den Inbegriff der Schweizer Alpenfestung: Unseren Typhon verbannen wir in die dunkle Kammer des Reduits.

Die Rede ist von unserem Staubsauger. Es ist ein in die Jahre gekommenes Modell, das für die Studentenwohnung und mit entsprechendem Budget gekauft worden war. Mit seiner Lautstärke erinnert er mehr an einen Pressluftbohrer. Aber damals war ja nicht absehbar, dass er einmal kindertauglich sein müsste.

Dass er lange unseren Haushalt bevölkerte, ist aber nicht meiner Faszination für den griechischen Götterzoo zuzuschreiben, sondern einer binationalen Kombination von Tugenden: unserer gutschweizerischen Kardinaltugend der Sparsamkeit auf der einen Seite und der durch den deutschen Hersteller dem Produkt verliehenen Beständigkeit auf der anderen.

Ich müsste in der Vergangenheit schreiben. Denn wie Typhon gegen die olympische Generation letztlich unterlag, musste auch unser Staubsauger seinen Platz räumen. Als er nur noch in Intervallen zum Saugen zu bewegen war, verbannten wir ihn in den Tartaros unseres Kellerabteils und kauften uns einen neuen.

Dies nun freilich sehr zur Freude unserer Kinder. Statt eines bellenden und schreienden Typhon, der den Staub durch unsere Wohnung jagt, haben wir nun ein nymphenartiges Wesen, das so leise durch die Flure zieht, dass wir nur noch das Rollen auf dem Parkettboden hören würden. Wäre da nicht nach wie vor das Kreischen und Heulen unserer Kinder.

Allerdings nicht mehr aus Angst. Nein, nun streiten sie darum, wer das Nymphengefährt durch die Wohnung kutschieren darf. Ein Wettstreit, der uns nur recht sein kann. Bedenklich stimmt uns einzig, dass Söhnchen nun am Abend jeweils ins Reduit gehen muss, um dem Staubsauger gute Nacht zu wünschen. Bei den Griechen kam nach dem mythologischen Denken die Aufklärung. Bis dahin erfreuen wir uns am Reinigungsfimmel.

Michael Braunschweig

Der Ethiker und Theologe hat mit seinem Ehemann zweijährige Zwillinge.

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