Kolumne

«Papa & Papi»: Mehr Zeit mit der Familie? Seien Sie präzise mit ihren Wünschen!

In seiner Kolumne «Papa & Papi» schreibt Ethiker Michael Braunschweig über das Elternsein mit seinem Mann und seinen Kindern. Diese Woche über seinen Alltag während der Coronakrise.

Michael Braunschweig
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«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig (Bild: CH Media)

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig
(Bild: CH Media)

Vorfreude ist die schönste Freude, weiss der Volksmund. Die Freude auf die Erfüllung eines Wunsches überwiegt die Freude, wenn der Wunsch tatsächlich Wirklichkeit wird. Das mussten auch wir – wie wohl viele andere Familien auch – erfahren. Denn wer hätte sich bis vor kurzem nicht gewünscht, «mehr Zeit mit der Familie zu verbringen»? Auch hier hat das Leben wieder eine wichtige Lektion bereit: Seien Sie präzise mit Ihren Wünschen! Von Staat, Arbeitgeber und Kita ins heimische Kämmerlein verdammt, können wir uns vor lauter «Zeit mit der Familie» kaum mehr retten. Das hat seine schönen und seine weniger schönen Seiten.

«Du musst dein Leben ändern!» Das wusste jede und jeder von uns schon lange – und meinten damit vor allem unseren nicht nachhaltigen Verbrauch von Ressourcen. Nun sind wir alle innert kürzester Zeit zu tiefgreifenden Veränderungen gezwungen. Zunächst sind natürlich Oma, Opa, Grosmami und Grospapi – zu ihrem Leidwesen – aus der Wohnung und aufs Tablet verbannt worden. Unsere strikten Grundsätze, Tablet und Smartphone vor den Kindern und vor allem mit ihnen zusammen nur restriktiv zu nutzen, wurden zu Gunsten der Beziehungspflege über den Haufen geworfen.

Die Veränderungen gehen an unseren Kindern nolens volens nicht vorbei. Was sich in den ersten Tagen ein wenig wie Ferien anfühlte, standardisiert sich nun laufend. Unsere Wohnung, die bislang Lebensraum und Spielplatz war, wurde nun auch zum Home-Office und zur Home-School. Welcher Aspekt für wen und für wie lange jeweils im Vordergrund steht, handeln wir laufend aus. Wobei das Aushandeln bei zweijährigen Verhandlungspartnern zu viel gesagt ist. Wir versuchen, so gut wie möglich eine Tagesstruktur zu etablieren – für die Kinder wie für uns. Zum Glück hat uns die Kita ihre Wochenplanung zugestellt. Das dient uns als Vorlage für unsere Rhythmisierung.

Denn die Uni hat mich zwar ins Home-Office geschickt, aber der Lehrbetrieb läuft weiter. Das bringt auch für unsere Kinder ein intensiveres Lernregime mit: Wenn ich mich an den Computer zurückziehen muss, um für meine Studierenden im Distance Learning die Powerpoint-Folien mit Erklärungen zu besprechen, dürfen die Kinder auch eine Einheit Homeschooling absolvieren. Und zwar mit Papi, der als Zahnarzt jetzt nur noch wenig arbeitet und ungeahnte didaktische Kompetenz beweist: Mit Begeisterung versuchen die Kinder bereits nach wenigen Tagen, Zahlen zu erkennen, auf fünf zu zählen und Buchstaben aufs Papier zu kritzeln. Der kognitiven Aktivierung folgt dann meist eine Bewegungseinheit mit Yoga oder Singspielen.

Hier muss ich jeweils meine Aufnahme trotz der Bürotür dazwischen unterbrechen. Zum Glück nur kurz. Denn die Ausdauer unserer Kleinen hält sich noch in engen Grenzen. Und bald schon entlässt Papi sie in ihr «freies Spiel». Hinter der Bürotür denke ich: Krisen können Chancen sein.

Michael Braunschweig

Der Ethiker und Theologe hat mit seinem Ehemann zweijährige Zwillinge.

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