Kolumne

«Papa & Papi»: Sollen Eltern eingreifen, wenn die Kinder streiten?

In seiner Kolumne «Papa & Papi» schreibt Ethiker Michael Braunschweig über das Elternsein mit seinem Mann und seinen Kindern. Diese Woche berichtet er über das Dilemma der streitenden Geschwister, das viele Eltern nur zu gut kennen.

Michael Braunschweig
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«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig (Bild: CH Media)

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig
(Bild: CH Media)

Als Zwillingsgeschwister aufzuwachsen, hat viele schöne Seiten. Immer ist bereits ein Gspänli da. Schon am Morgen beim Aufwachen liegt im Bett nebenan jemand, und man weiss: Auch in der Dunkelheit bin ich nicht allein.

Unsere Kleinen schliefen ja zu unserem grossen Glück seit dem dritten Lebensmonat durch. Und wir sind sicher, dass dies vor allem daran lag, dass sie immer zu zweit waren. Auch spielen ist lustiger zu zweit, und um die Wette zu kreischen sowieso.

Besonders berührend ist die Zweiheit, wenn wir draussen unterwegs sind. Dann fassen Söhnchen und Töchterchen einander bei den Händen, stapfen gemeinsam durch die Welt und trällern ein Lied nach dem anderen. Und falls der Frust Tränen in die Augen treibt: Sogleich springt die oder der andere herbei zum Trösten.

Es sei denn, sie oder er war selbst die Ursache der Tränen. Denn das ist die Schattenseite des Zwillingslebens: Es ist nicht nur immer jemand da zum Spielen. Es ist auch immer jemand da, der einem das Spielzeug aus der Hand reisst oder genau auf dem Stuhl sitzen muss, auf dem man sitzen wollte, der einem in der Badewanne Wasser in die Augen spritzt oder das Joghurt isst, das für einen selber bestimmt war.

Tränen sind dabei nur eine Begleiterscheinung. Mit den wachsenden Fertigkeiten der Kinder nehmen auch die Handlungsoptionen auf der Eskalationsskala zu. Anbrüllen ist nicht mehr der Gipfel der Eskalation – längst teilen sie einander ihre Entrüstung auch mittels Schlägen mit. Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu!, weiss die goldene Regel.

Davon sind unsere Zweieinhalbjährigen weit entfernt. Mindestens sieben Jahre, um genau zu sein. Jedenfalls, wenn man dem Entwicklungsschema der moralischen Urteilsfähigkeit glauben will, wie es Lawrence Kohlberg beschreibt. Bis ungefähr zum vierten Lebensjahr gilt sogar das Prinzip: Fair ist, was ich will und mir allein guttut. Ernüchternd für unsere Bemühungen, ihnen die Einsicht zu vermitteln, dass Schläge dem anderen weh tun und deshalb doch bitte zu unterlassen seien.

Dem Entwicklungspsychologen zufolge sind unsere Kleinen nämlich noch gar nicht in der Lage zu verstehen, was wir ihnen damit sagen wollen.

Als Eltern sind wir im Dilemma: Sollen wir einschreiten, wenn sie streiten und auch dreinschlagen? Oder sollen wir sie ihre Konflikte selber regeln lassen? Da lohnt es sich, bei Expertinnen Rat zu suchen. Etwa bei meiner Oma, einer Fachfrau, sie hatte gleich dreimal Zwillinge gehabt.

Von ihr wird eine klare Haltung zu dieser Frage überliefert: «So lange kein Blut spritzt oder Knochen aus der Haut ragen, müssen wir nicht intervenieren.» Ich wünschte mir ihre Gelassenheit, um mich auch dann daran halten zu können, wenn das Gebrüll ohrenbetäubend wird.

Michael Braunschweig

Der Ethiker und Theologe hat mit seinem Ehemann zweijährige Zwillinge.

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