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Regungslos am Pult

Einblicke
Christian Peter Meier, Leiter regionale Ressorts
Christian Peter Meier

Christian Peter Meier

Erinnern Sie sich an Emil Steinbergers Nummer «Am Fänschter»? Darin schaut ein mutmasslich älterer, mit Sicherheit aber unterbeschäftigter Mann nach draussen und kommentiert die Aktivitäten seiner Nachbarn. Dass er sich dabei als riesiger Bünzli entlarvt, macht den besonderen Reiz der Nummer aus. Schon als Kind konnte ich über den Sketch herzhaft lachen, auch Jahrzehnte später hat er für mich noch kaum Staub angesetzt.

Emils Nummer ist mir in den Sinn gekommen, weil ich seit einiger Zeit bei mir selber ein ähnliches, latent obsessives Verhalten feststelle. Es nimmt nun nicht gerade die oben beschriebenen Ausmasse an. Aber ich muss mir eingestehen, dass kaum mehr ein (Werktags-)Morgen vergeht, an dem ich nicht kurz nach dem Aufstehen einen Kontrollblick aus dem Fenster mache. Sitzt er wieder da? Ja, er sitzt, wie immer, bereits da.

Der blasse Mann, dem mein beiläufiger Blick gilt, arbeitet im Gebäude auf der anderen Strassenseite. Graues Haar, aber wohl doch noch einige Jahre von der Pensionierung entfernt. Frühaufsteher. Im weissen Hemd sitzt er regungslos am Pult seines Einzelbüros. Rechte Hand an der Maus, linke Hand auf der Tastatur, starrer Blick Richtung Bildschirm. Noch nie habe ich den Mann aufstehen oder mit einer anderen Person sprechen sehen. Er arbeitet entweder sehr konzentriert – oder gar nicht.

Keine Ahnung, in welcher Branche der Mann tätig ist. Standortgebunden kann dieArtseiner Beschäftigung auf alle Fälle nicht sein. Denn der Computer ist sein einziges Arbeitsgerät. Noch nicht einmal ein Block Papier befindet sich auf dem weitgehend leeren Pult. Theoretisch könnte er wohl – ausgerüstet mit einem Laptop und einer SIM-Karte – seine Leistung auch unter Palmen in den Malediven erbringen. Oder auf der Sonnenterrasse einer Berghütte.

Doch stattdessen sitzt er wie festgenagelt in einem Allerweltsbüro an einem Allerweltsort. Kann dieser Job erfüllend sein, gar Freude bereiten? Diese Frage beschäftigt mich immer wieder. Die Antwort kenne ich nicht. Aber ich weiss, dass ich unter keinen Umständen tauschen möchte. Und so wirkt sich der morgendliche Routineblick durchaus positiv auf mich aus: Motiviert und mit einer gewissen Dankbarkeit verlasse ich die Wohnung. Und mache mich auf zu meiner ungleich abwechslungsreicheren Arbeit.

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