Glosse

Salzkorn

Lesen bildet - aber lernen wir damit auch?

Urs Bader
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Ab und zu ein Blick in ein Buch oder eine Zeitung bildet. Und man stösst auch mal auf eine köstliche Lesefrucht, die unvermittelt den Blick auf eine ganze Epoche freigibt: «Lasst doch mal den Dicken ‘ran, lasst ihn zeigen, was er kann.» Diese Parole brachte 1963 Ludwig Erhard, Vater des deutschen Wirtschaftswunders und der Sozialen Marktwirtschaft, ins Bundeskanzleramt. Vorher war er seit Gründung der Bundes- republik Wirtschaftsminister.

Seine stattliche Körperfülle und seine obligate dicke Zigarre galten damals noch als Leistungsausweis: Der Mann hat es geschafft! Der kann auch Bundeskanzler! Heute würde das eine wie das andere Erhard für dieses Staatsamt geradezu disqualifizieren. Auch die ungenierte Parole ist nicht mehr denkbar. Leider.

Lesen bildet – aber lernen wir damit auch? Da kann vielleicht eine andere Lesefrucht weiterhelfen, die von der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann stammt: «Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.» U. B.