Kolumne

Schnee von gestern: Vom «Abéro» zum «Umbéro»

Wann soll man bei einem Apéro aufkreuzen, wenn es gemäss Einladung heisst «ab 17 Uhr»? Offenbar je älter man ist, desto früher.

Hans Graber
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Hans Graber.

Hans Graber.

Es gibt ja Leute, die dem Lockdown nachtrauern. Eine wunderbare Ruhe habe da geherrscht. Endlich einmal habe man mal durchschnaufen und sich besinnen können, auf sich selbst und auf das, was wirklich wichtig ist im Leben. Ich kann solche Gedanken verstehen, allerdings möchte ich mich nicht allzu sehr auf mich selbst besinnen, sonst würde ich wohl einen chronischen Drehschwindel einfangen. Und was wirklich wichtig ist im Leben, glaube ich auch ohne Lockdown zu wissen, aber so einiges vom weniger Wichtigen möchte ich halt trotzdem nicht missen.

Jedenfalls war ich froh, als die Beizen wieder öffneten und häusliche Essens- oder ­Apéro-Einladungen erlaubt wurden. Zwar gelten auch im privaten Kreis nach wie vor ­diese Abstandsregeln, aber erstaunlich viele Menschen verfügen zu Hause über ­raffinierte Ausziehtische. Wir hatten früher auch einen, aber weil ich mir beim gottlob eher selten nötigen Aus- und auch Wiedereinziehen immer die Finger eingeklemmt habe, drängte sich ein Wechsel auf. Das hat unter anderem den Vorteil, dass Familienschläuche und andere Vollversammlungen woanders vonstattengehen.

Aufgefallen ist mir eine kleine Veränderung des Gruppenverhaltens. Während eine Essenseinladung meist zu einer bestimmten Zeit erfolgt, etwa «um» 19.30 Uhr, heisst es bei Apéros häufig «ab». Zum Beispiel «ab» 17 Uhr. Früher empfand ich es als unschicklich, bei «ab»-Zeiten bereits von allem Anfang an beim Gastgeber auf der Matte zu stehen. Allgemein üblich war eher, dass man nach und nach eintrudelte, und die Letzten kamen, als die Ersten schon wieder gegangen waren. So blieb alles über zwei, drei Stunden schön im Fluss.

Nun aber scheinen auch «ab»- zunehmend zu «um»-Zeiten zu werde. Zweimal hintereinander ist es jetzt passiert, dass bei meinem Eintreffen um 17.52 bzw. 18.07 Uhr (Einladungszeit beide Male «ab» 17 Uhr) die ganze Blase längst vollzählig anwesend und in recht aufgeräumter Stimmung war. Die Teller mit den Häppchen waren nur noch mit traurigen Anstandsresten bestückt. Bier gab’s bloss lauwarmes, weil der Stapel aus dem Kühlschrank bereits weggeputzt war und die zweite Fuhre noch nicht auf ordentliche Trinktemperatur runtergefahren werden konnte.

Was ist da los? Warum wird der «Abéro» zum «Umbéro»? Besteht aus der Lockdownzeit ein Nachholbedarf, können es die Leute jeweils kaum mehr erwarten, bis es losgeht? Denkbar ist auch eine andere Coronafolge. Vielleicht wird vermutet, am Anfang seien erfahrungsgemäss noch nicht viele Leute anwesend und alles Servierte noch jungfräulich clean. Bei frühzeitigem ­Kommen und Gehen vor dem grossen Ansturm, so die ­Annahme, könne man eine Quarantäne umgehen, weil der Spreader oder gar Superspreader mit einiger Wahrscheinlichkeit erst danach aufkreuzt. Doch wenn alle so denken, wird das sinnlos. Der Spreader ist auch schon da.

Oder ist alles viel simpler und unspektakulärer? An so Apéros ist man ja altersmässig oft ungefähr unter seinesgleichen. Und bei Senioren schiebt sich die Zeit des Nachtessens bekanntlich kontinuierlich nach vorne, weil es ihnen sonst zu sehr aufliegt, wenn sie schon kurz nach der «Tagesschau» in die Heia huschen. Deshalb muss, wenn überhaupt, beizeiten zum Apéro geschritten werden − bis sich die Katze dann irgendwann in den Schwanz beisst.

Apropos: Heute bin ich eingeladen. 17 Uhr. «Um» 17 Uhr. Zum Znacht. Ein Ausziehtisch sei vorhanden, wird versichert. Doch, ich freue mich, aber offen gesagt: Manchmal habe selbst ich ein bisschen Sehnsucht nach einem zweiten Lockdown.

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