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Kolumne

Sehen wir uns im Wald?

Blanca Imboden
Blanca Imboden, Schriftstellerin.

Blanca Imboden, Schriftstellerin.

Neulich las ich in einer Zeitung, dass das Gefühl von Einsamkeit genauso schädlich sei wie das Rauchen von 15 Zigaretten pro Tag. Mir drängte sich sofort die Überlegung auf: Was ist mit Menschen, die einsam sind und auch noch rauchen? Die haben dann wirklich den Schwarzen Peter gezogen. Aber natürlich nehme ich das Thema ernst. Wer, wenn nicht ich? Ich lebe jetzt, mit 55 Jahren, erstmals allein. Da habe ich plötzlich – zu meiner eigenen Überraschung – einen persönlichen Bezug zum Thema. Natürlich bin ich auch früher viel alleine gereist, habe Wanderungen allein unternommen. Tatsächlich brauche ich viel Zeit für mich. Aber freiwillige Alleingänge gehören halt nicht in dieses Kapitel.

Todesursache Nummer eins

Ich weiss, dass meine Einsamkeit eine Luxusversion ist, denn ich habe immer Menschen um mich herum, wenn ich das will. Ich habe einen Job, Familie, tausend Kontaktmöglichkeiten. Mir fehlt nur der Seelenverwandte, die ultimative Bezugsperson. Seit mein Mann gestorben ist, lerne ich viele wirklich einsame Leute kennen. Diese leben direkt vor meiner Nase, nicht irgendwo in der entfernten Ferne. Das taten sie immer schon, nur habe ich sie nicht wahrgenommen. Es scheint, als liefe auch ich Gefahr, nur die Probleme zu sehen, die mich auch selber betreffen. Diese Einsamen sind krank oder arbeitslos, sind umgezogen, die Kinder sind erwachsen. Es gibt tausend Gründe für Einsamkeit. Viele fühlen sich sogar in einer Beziehung einsam. Das scheint mir besonders traurig.

Dass Einsamkeit zurzeit in aller Munde ist, obwohl es ansonsten eher ein Tabuthema ist, liegt an Manfred Spitzer, der mit seinem Buch «Einsamkeit – die unerkannte Krankheit» aufgerüttelt hat. Wer einsam sei, erkranke häufiger als andere an Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall, Depressionen und Demenz, behauptet er. Einsamkeit sei die Todesursache Nummer eins in den westlichen Ländern. Dieses Wissen ist ganz und gar kein Trost für eine einsame Seele.

Vor läuter Bäumen keine Einsamkeit mehr

Auch in einer TV-Sendung diskutierte man über Einsamkeit. Ich hörte genau hin, legte mir Block und Kugelschreiber bereit. Ich wartete auf Tipps, auf einen Hinweis, kluge Ratschläge. Aber da gab es nicht viel aufzuschreiben. Am Ende verkündete einer, man solle in die Natur gehen, vorzugsweise in den Wald, wenn man sich einsam fühle. Weil ich dort vor lauter Bäumen die Einsamkeit nicht mehr sehe?

Die Natur hilft mir schon auch. Immer. Dafür brauche ich keine wissenschaftliche Studie. Ich bevorzuge allerdings die Berge. Aber der Ratschlag mit dem Wald, der lässt mich nicht mehr los. Mein Kopfkino ist nicht mehr zu bremsen. Wenn nämlich tatsächlich alle Einsamen in den Wald gehen würden, dann würde dieser Fernsehratschlag eine ganz andere Dimension bekommen: Der Wald wäre plötzlich voller Menschen. Es würde zwangsläufig zu Kontakten kommen, zu Gesprächen, vielleicht sogar zu Verbrüderungen, Paarungen. Ich glaube, ich ziehe jetzt gleich los. Wir sehen uns im Wald?

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