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Kolumne

«Stadtwärts»: Vom Landei zum Stadtkind

Wie schnell man doch das Leben auf dem Land vergisst, hat unsere Autorin Beatrice Vogel erfahren.
Beatrice Vogel
Beatrice Vogel.

Beatrice Vogel.

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Obwohl ich seit 15 Jahren in der Stadt wohne, betone ich dies nicht ohne Stolz. Ich bin keine versnobte Städterin, die nicht weiss, woher die Milch kommt, und mit Stöckelschuhen zwischen Kuhfladen balanciert. Ich kann Kühe in den Stall treiben und weiss, wie man eine Mistgabel in die Hand nimmt. In letzter Zeit hat dieses schön gezimmerte Selbstbild allerdings angefangen zu bröckeln.

Das kam so: Der Blauring Ruswil, dem ich in meiner Jugend angehörte, feierte sein 60-Jahre-Jubiläum mit einem Ehemaligenanlass. Voller Vorfreude machte ich mich bereit – und achtete bei meiner Kleidung eher auf Aussehen statt auf Funktionalität. Was ich ausser Acht liess: Blauring bedeutet Lagerfeuer, Wiese, Festzelt. Und es war ein kühler, regnerischer Herbsttag. Natürlich war ich völlig falsch angezogen. Das Resultat: Durchnässte, dreckige Turnschuhe, durchgehend leichtes Frösteln und Feuergeruch in den delikaten Kleidern. Ein schöner Abend war es trotzdem – und zumindest am Feuer war es angenehm warm. Ein anderes Mal war ich an ein «Bäumlifest» eingeladen. Da es etwas abgelegen stattfand, mussten eine Freundin und ich nach der Busfahrt ein gutes Stück zu Fuss gehen – im Sommerkleid und mit Sandalen. Wo der Hof ungefähr gelegen war, wussten wir, nicht aber, wie man genau dorthin kommt. Das stellte uns vor gewisse Herausforderungen: Sollen wir mit unseren schönen Sandalen querfeldein gehen? Gehen wir links oder rechts bei der Verzweigung des Feldwegs? Und warum, um Himmels Willen, sind diese Strassen nicht angeschrieben?

Am Ziel angelangt, fühlten wir uns leicht overdressed. Zum Glück gab es ein Gehege mit Geissen und Kaninchen, das uns ablenkte und vor dem wir voller Verzückung verweilten – als einzige abgesehen von einigen Kindern. Schliesslich bekommt man nicht alle Tage so niedliche Tiere zu Gesicht. Meine Freundin und ich schlossen daraus, dass wir mittlerweile ziemlich verstädtert sind. Die Geschichte vom Landei werde ich wohl nicht mehr so überzeugend postulieren können.

Aber wie sagt man so schön: Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung. Vielleicht werde ich ja bald zum überzeugten Stadtkind.

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